Rezension | Auf Null | www.goldblatt-blog.de

Auf Null ─ Catharina Junk

Man ist nicht immer auf der Suche nach Liebe. Manchmal ist man schon froh überhaupt länger als gedacht am Leben zu sein. Und manchmal bedarf es nicht viel Kitsch und großer Worte, sondern nackte Angst und eine ordentliche Portion Sarkasmus. Eine Geschichte darüber, dass das alte Leben zum Fremdkörper geworden ist und der Tod näher an deinem Alltag verweilt, als dir lieb ist.

Meinung

Ich war schon ordentlich vorgehypt, ich hatte große Erwartungen an Auf Null. Und wer über Bücher bloggt oder Vielleser ist, der weiß, das ist nicht immer einfach. Das kann ganz schön nach hinten losgehen. Diese Momente, wo dann doch alles passt, man das Buch verschlingt und wie ein Schwamm begierig aufsaugt, sind da rar und besonders zugleich.

So ging es mir bei Auf Null von Catharina Junk.

Mit aberwitziger Situationskomik, einer ordentlichen Prise Sarkasmus und einer erfrischend leichten und doch atmosphärisch tragenden Sprache gleitet man schneller durch diesen Roman, als einem lieb ist.

[…] aber unser Zufallspiel hat wirklich die romantischste Ballade des Albums gewählt. Und die explodiert jetzt in meinem Auto wie eine musikalische Beklemmungsgranate. ─ S. 149

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Wo die typische Sick-Lit aufhört, da fängt die Autorin an. Wir begleiten unsere Protagonistin Nina auf den Weg zurück ins normale Leben. Nachdem sie fast ein Jahr im Krankenhaus, von ihr liebevoll „Bettenturm“ genannt, verlassen darf, steht sie vor einem Neuanfang. Mit dem sie selbst schon nicht mehr gerechnet hat. Wen wundert das? Aber Nina stehen nun alle Türen offen. Die Hoffnung auf Leben ist präsenter denn je. Und die Angst es wieder zu verlieren, noch mehr.

Mit gerade mal Anfang zwanzig musste sie ihr Studium, wegen der Leukämie, unterbrechen. Und sie weiß jetzt, ein gefühltes anderes Leben später, nicht mehr, ob das Studium die richtige Wahl für sie ist. Ob ihr altes Leben überhaupt noch Sinn macht. Was ist mit der neuen Nina, die dem Tod ins Gesicht geblickt hat, kompatibel? Und inwieweit hat das auch ihre Familie, ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, verändert? Wie weit und wie stark darf man sich wieder an das Leben und all die Menschen darin binden, wenn es morgen wieder vorbei sein kann? All das wird hier zum Thema gemacht.

Obwohl Nina Wochen und Monate auf van Goghs Sonnenblumen gestarrt hat, sich in öder Routine durch die Tage der Erkrankung gequält hat, Salbeitee noch und nöcher gegurgelt hat, hat sie kaum einen Gedanken an sich verschwendet. Was danach passiert. Dieses Buch ist so auf den Punkt, was den Titel Auf Null angeht. Denn von Sekunde eins dieses Romans, beginnt Ninas Leben bei Null.

Vielleicht darf ich das jetzt, glücklich sein. Vielleicht darf ich aufhören, meinem Körper zu misstrauen, und vielleicht packt die doofe Tante Angst endlich ihren Zweifelkoffer und verschwindet nach Auf-nimmer-Wiedersehen? ─ S.161

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Nina knüpft nicht einfach an ihr altes Leben an. Was sie zu Beginn ihrer Erkrankung oftmals und lange noch hofft. Mit dem anfänglichen Gedanken nach wenigen Wochen all das hinter sich zu haben, wird dem Leser bald klar, dass einiges dazwischen gekommen sein muss, wenn sie fast ein Jahr im Krankenhaus verbracht hat. Auch wenn wir als Leser die Zeit nach der Leukämie verfolgen, dürfen wir immer wieder der Zeit während und nach der Diagnose, und bei der Bekämpfung des Krebs, beiwohnen. Und das ist erschreckend ehrlich. Erschreckend pur und intensiv. Und auch mal sehr dunkel.

Dieser Roman geht durch Mark und Bein. Als Leser bleibt dir keine Wahl. Du bist hin und hergerissen. Du bist fasziniert. Du bist ungläubig. Du bist erschrocken. Die Vielfalt an Emotion ist wie ein All-You-Can-Eat-Buffet. Du hast dich an mancher Emotion überfressen, aber du kannst nicht aufhören. Du willst einfach nicht aufhören. Es ist einfach zu gut und schön. Auch wenn es mal tottraurig ist und entsetzlich tragisch.

Ich weiß, es ist wahnwitzig, vielleicht auch übertrieben. Vielleicht hab ich auch einfach nur eine Macke. Aber die Entfaltung des Humors unter der Tragik dieses Schicksals ist für mich bahnbrechend. Ich fand es grandios! Dem Tod, der Unsicherheit noch eine Komik abgewinnen. Lebensbejahender geht es kaum. Freud und Leid liegen hier nur eine Haaresbreite voneinander entfernt. Catharina Junk hat das so perfekt in Worte gegossen und in dieses Buch gestampft. Es hat mich dermaßen berührt. In so vielen verschiedenen Arten.

Ich kann sagen es hat mich zum Lachen gebracht. Es hat mich zum Weinen gebracht. Es hat mich wütend gemacht. Und dabei hat es mir ein Bewusstsein für den Umgang mit so einer Krankheit geschenkt. Es hat mir vor Augen gehalten, wie gut es mir geht. Wie wenig ich das manchmal schätze. Wie lapidar wir Sachen sagen, wie wir mit Menschen umgehen. Dieser Roman hat was mit mir gemacht. Und solche Bücher sind, machen wir uns nichts vor, die Besten.

Wir fallen und fallen und fallen, und es ist der absolute Wahnsinn. Meine Cortison-Bäckchen schlackern im Abwärts-Orkan und was ich empfinde, ist unbeschreiblich. S. 374

 

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Wie sieht das denn jetzt mit den Figuren und so aus?

Da haben wir zum einen die Freundschaft zu Bahar, Ninas bester Freundin. Die ist so facettenreich. Besonders wenn die beiden zusammen interagieren, kann man nicht anders als zu schmunzeln. Und gleichzeitig schaffen es die beiden eine Wärme und Zuneigung auszustrahlen, dass sie nie im Leben als geringe Energiesparlampe bezeichnen würde. Gerade und auch wenn die Situation mehr als ernst ist. Ähnliches gilt später für die Interaktion zwischen Erik und Nina.

Die Dialoge zwischen den beiden sind so zart. Und damit meine ich fragil und zugleich leichtfüßig. Es fühlt es sich von der ersten Sekunde, beim ersten Wortwechsel zwischen den beiden, einfach richtig an. Das spürt der Leser. Das spürt Nina. Kein Wunder also, dass sie sich in ihn verliebt. Hier gibt es übrigens nicht minder lustige Szenen. An der Stelle muss ich auch ein paar Worte zu dieser Liebesgeschichte fallen lassen.

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Im altbekannten Schema F-Roman in diesem Bereich wäre der männliche Spielpartner wieder Fels in der Brandung, Prinz und Lebensretter in einem. Und vor allem wäre einfach alles wieder gut, sobald die beiden sich getroffen hätten. Anders ist das in Auf Null. Es gibt ohne Zweifel diesen Part der Liebesgeschichte. Ohne Frage, es macht auch Spaß dieser Entwicklung dorthin entgegen zu fiebern. Bei einer Szene fand ich es auch ein bisschen klischeehaft, aber schlussendlich ist diese Beziehung zwischen Erik und Nina nicht so unerträglich dominant. Nicht unerträglich zuckrig. Vielmehr ist es eine schöne Ergänzung. Etwas, was man Nina nach all dem Mist gönnt.

Aber es gibt genug andere Nebenstränge in der Handlung, die mindestens genauso wichtig für Nina sind und ihren Raum im Buch bekommen. Da wären zum Beispiel die Beziehung zu ihrem Bruder. Denn er ist ja nur das Kind, was keinen Krebs hatte. Welches eine Stütze im Glauben sucht. Seine eigene Sexualität opfert, weil er meint eine Schuld damit zu tilgen. Oder der Part, dass so manche Freundschaft von Nina schon immer oberflächlicher Natur war und ihr Mindesthaltbarkeitsdatum schon längst überschritten hat. Es gibt so viel, dass den Leser mit seiner jeweiligen kleinen Thematik fesselt. Dieses Buch muss sich nicht hinter irgendeiner künstlich aufgeplusterten Liebesgeschichte verstecken. Das macht es so wundervoll und erfrischend.

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Rundherum konnte mich das Buch begeistern. Ich wollte es gerade wegen seiner bitteren Süße kaum weglegen. Wenn es ein Buch gibt, welches man dieses Jahr unbedingt gelesen haben sollte, ist es Auf Null. Nicht zu unrecht gibt es schon viele positive Stimmen zu dem Roman und diese Aufmerksamkeit darum, könnte meiner Meinung nach, etwas größer sein.


Fazit

Auf Null von Catharina Junk hat mir mit ihrem Debüt wunderbare Lesestunden geschenkt. Es ist lebensbejahend, ergreifend und eine Klasse für sich. Außerordentlich berührend und auf bezaubernde Weise hat die Autorin für mich diese Art Buch neu definiert. Ich hoffe, dass wir schon bald mehr von dieser Autorin lesen werden.


Welches Buch hat dich zuletzt bewegt?

 

Weitere Rezensenten:

fruehlingsmaerchen | SL Leselust | Book Experiences

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5 Gedanken zu „Auf Null ─ Catharina Junk

  1. wow, was für eine unglaublich schöne Rezension. Du kannst wirklich richtig toll schreiben. Und jetzt habe ich so eine Lust, das Buch zu lesen.
    Und ja, das mit den Erwartungen ist wirklich so eine Sache. Aber umso besser, dass dich dieses Buch trotzdem so beeindrucken konnte. Und deine Begeisterung schwingt wirklich in jeder Zeile deiner Rezension mit.
    Mich hast du auf alle Fälle neugierig auf das Buch gemacht.
    Ganz liebe Grüße,
    Julia

    1. Hallo Julia,

      danke für das Kompliment. ♥

      Ich hoffe du kannst das Buch ganz bald lesen und wirst genauso begeistert sein, wie ich!

      Liebe Grüße zurück
      Rebecca

      1. Immer gern, du hast es dir ja wirklich verdient. 🙂
        Das Buch steht noch auf der Wunschliste, aber ich kann es kaum erwarten, es zu lesen. Langsam zeige ich auch schon körperliche Symptome; es breitet sich ein Kribbeln aus und ich werde dem Dran wohl bald nachgeben müssen und mir das Buch ganz bald kaufen! Bis Weihnachten halte ich nicht mehr durch… 😀

  2. Eine tolle Rezension und wunderwunderschöne Fotos 🙂 Ich fand das Buch ebenso großartig. Unter meiner Rezension (kommt am Mittwoch) hab ich übrigens deine und Lottas verlinkt – ich hoffe das ist ok =)

    Liebe Grüße,
    Yvonne

    1. Hallo Yvonne,

      Danke ♥
      Ich finde das Verlinken vollkommen okay. Ich bin ja so dreist und mach das auch mit anderen Blogs. 😀
      Deine Rezension habe ich schon gelesen und hab da auch schon kommentiert.^^

      Liebe Grüße
      Rebecca

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