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Das Rauschen in unseren Köpfen ─ Svenja Gräfen

Lene und Hendrik sind ein Paar. Mit Problemen. Eigentlich kennen sie sich nicht richtig gut. Da ist so viel ungesagt. Und doch ist da etwas, was beide magisch anzieht. Doch ein gewisser Zauber reicht manchmal nicht aus.

Das Rauschen in unseren Köpfen von Svenja Gräfen hat mich von der ersten Seite an auf eine ganz besondere Art angesprochen. Eigentlich lässt sich schwierig erklären, was genau mich an dem Buch so fasziniert und gebannt hat, aber da war eine Empathie, die ich für Lene, die Protagonistin, empfand. Ich konnte so vieles, was in dieser Geschichte behandelt wird, nachvollziehen und verstehen. Und ist das nicht ein klares Pro für dieses Buch? 

Svenja Gräfen schafft einen leichten Einstieg, trotz des eher für mich ungewohnten Stilmittels die wörtliche Rede nicht durch Anführungszeichen abzugrenzen. Das mag ich eigentlich nicht und doch hat mich die Geschichte in ihrem Fluss – nach einer kleinen Eingewöhnung – so mitgerissen, dass es mir dann irgendwann gar nicht mehr auffiel. Das lag aber auch an der eindringlichen Art, wie die Autorin ihre Geschichte in Wort fasst. Und auch wenn jedes Wort sitzt, lässt es sich sehr leicht lesen. Was aber auch an den relativ kurzen Kapiteln liegen kann.

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Wir lagen ohne Uhrzeit da, bloß ab und zu wurden wir daran erinnert, dass es noch eine Realität gab. ─ S. 43

Im Verlauf des Buches fiel mir dann irgendwann auf, dass Das Rauschen in unseren Köpfen auch eine bestimmte, bedrückende Stimmung transportiert, aber ohne unendlich depressiv zu wirken. Da schwingt eine Traurigkeit mit, die aber eben in Beziehungen auftaucht, wenn es mal nicht so gut läuft. Das kennt jeder.

Das alles fängt damit an, dass Lene und Hanna unzertrennlich sind. Und irgendwann in diese freundschaftliche Beziehung eine romantische tritt. Nämlich die zwischen Hanna und Lenes Bruder Jaro. Die erste Entfremdung findet statt. Das altbekannte Fünfte Rad am Wagen-Syndrom. Diese Dynamik verändert sich. Und auch als dann Lene Hendrik kennenlernt, und sich diese Beziehung auf ganz eigene Weise entwickelt und stark thematisiert wird, verliert die Autorin nie das Gesamtbild aus den Augen. Sie beleuchtet jedes Beziehungsgeflecht. Lene und Hanna, Hanna und Jaro, Jaro und Lene, Lene und Hendrik und Hendrik zu allen anderen.

Vielmehr unterstützt diese Atmosphäre die eigentliche Handlung des Buches. Nämlich, dass Beziehungen nicht leicht sind. Dass sie sich verstricken, über mehrere Personen verbunden und auch mal gebrochen werden. Ich fand es unglaublich schön, wie authentisch und real Svenja Gräfen Beziehungskonstrukte darlegt und auch kleine feine Nuancen an den Leser herantragen kann. 

Ich war nur fassungslos, fassungslos und zugleich fasziniert, dass es so einfach passieren konnte, das etwas verschwand. ─ S. 84

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Bemerkenswert fand ich auch das Phänomen, dass ich im Nachhinein tatsächlich sagen würde, dass das Buch auch eine gewisse Distanz wahrt. Lene war mir sehr sympathisch, aber irgendwie ging mir ihre Persönlichkeit, trotz dieser tiefen Einblicke, nur auf eine oberflächliche Art nah. Vielleicht könnte man Lene und ihren Charakter als eher eindimensional bezeichnen. Ja. Aber nicht unbedingt auf eine negative Art. Ich fand es nicht nötig Lene unfassbar sympathisch zu finden, denn der Rest hat das wieder ausgeglichen. Mich rührte ihre Art und ihr Leben. In so manchem Gefühlschaos habe ich mich wiedergefunden und instant in gewisse Trennungssituationen zurückversetzt gefühlt. Wenn man das authentisch, ohne in den Kitsch zu verfallen, schafft, ist das schon eine außerordentliche Leistung, die es einfach verdient honoriert und erwähnt zu werden.

Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Svenja Gräfen hat mich mit Das Rauschen in unseren Köpfen überrascht und überzeugt und ich bin gespannt, was die Autorin noch so in Zukunft schreiben wird.


Fazit

Das Rauschen in unseren Köpfen von Svenja Gräfen ist für mich derzeit mein Favorit unter dem aktuellen Ullstein Fünf Programm. Ein eindringlicher Schreibstil, gepaart mit einer großen aber alltäglichen Emotionalität, die mich einfach gefangen genommen und begeistert hat. 


Infos zum Buch

Weitere Rezensenten:

paper and poetry blog | schonhalbelf | Poesierausch

 

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10 thoughts on “Das Rauschen in unseren Köpfen ─ Svenja Gräfen

  1. Das klingt nach einem Buch, was mir gefallen könnte. Komplizierte Beziehungsgeflechte und den Schmerz von Trennung so realitätsnah zu beschreiben, schaffen nicht alle Autoren.
    Ich bin sehr gespannt, wie es mir gefällt.
    Ganz liebe Grüße
    Saskia

    1. Exakt. Autoren tun sich, meiner Erfahrung nach, etwas schwer richtige Beziehungen, die Komplexität dahinter und auch die Gefühle (nicht nur dieses Friedefreudeeierkuchen-Gedöhns am Anfang) darzulegen. Svenja Gräfen hat das schon richtig gut gemacht. Nicht perfekt, aber sehr gut. Lass mich wissen, wie du es am Ende fandest!

      Liebe Grüße!

  2. Servus liebe Rebecca,

    sprachlich scheint das Buch ja wirklich einiges herzugeben! Das ausgesuchte Zitat finde ich wirklich wunderschön („Wir langen ohne Uhrzeit da…“) Deine Rezension klingt einmal mehr super spannend … dennoch wird das wohl kein Buch für mich sein. Mein Freund würde jetzt sagen „bist halt ein Eisklotz“ … weil zu viel Beziehungs-Tara … 😉

    Hast Du gesehen, dass jetz wieder BLOGST Tickets angeboten werden? Hast Du Dich denn schon entschieden, ob Du auf ein Event gehen würdest … und wann? Würde ernsthaft dementsprechend auch versuchen teilzuehmen, da ich nun schon Heidelberg aus familiären Gründen sausen lassen musste und nun ENDLICH ENDLICH mal eins der vielgelobten Blogger Events besuchen will!!

    LG & einen schönen Nachmittag
    Kati

    1. Mein Freund sagt von mir aber auch immer, dass ich ein Eisklotz bin. 😂
      Allerdings lese ich sowas ganz gerne. Bin da aber auch etwas pingeliger. So Chick-Lit-Style oder romantische Bücher kommen mir fast nicht mehr ins Haus, nur in gaaaanz speziellen Ausnahmen, weil das eben zu Beziehungsblabla ist. Aber wenn man das auf einem gewissen Niveau hinkriegt, authentisch, mit ein bisschen … Schlamm? (wie das klingt!) mag ich das tatsächlich sehr. Untiefen. Wenn solche Bücher Untiefen aufzeigen, dann find ich das sehr gut. Und das macht das Buch.

      Und was, wo? BLOGST-Tickets? Nein, noch gar nicht. 😳 Allerdings versuche ich auch jetzt sehr stark zu sparen. Hochzeiten sind anscheinend nicht billig. 😖

      (sorry für die späte Antwort)

      Liebe Grüße
      Rebecca

  3. Hallo Rebecca!
    Das Buch klingt richtig interessant. ich bin gerade so genervt von den immer gleichen Themen in Büchern und bin auf der Suche nach besonderen Büchern. Dein Blog ist sehr schön und ich bin gleich mal Leserin geworden. Ich bin gespannt, ob wir auch gemeinsame Bücher haben werden bzw. welche Schätze bei mir einziehen werden, nachdem du sie vorgestellt hast! LG Verena

    1. Danke Verena für deine Worte und für deinen Besuch. Momentan blogge ich ja eher unregelmäßig, aber das Leben ist manchmal etwas einnehmender als man denkt. Aber bald kommen wieder ganz viele neue Beiträge. Dann kannst du ordentlich stöbern. 🙂

      Liebe Grüße
      Rebecca

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