Rezension | Ein Mund voll ungesagter Dinge | www.goldblatt-blog.de
Rezensionsexemplar  

Den Mund voll ungesagter Dinge ─ Anne Freytag

Sophie ist siebzehn Jahre jung. Nachdem sie mit ihrem Vater nach München ziehen musste, ist erstmal alles ziemlich doof, ziemlich scheiße und generell sehr nervig. Doch das alles ändert sich, als Alex auftaucht. Alex ist das gleichaltrige Nachbarmädchen, welches Sophie die Hand zur Freundschaft reicht. Die beiden sind schnell unzertrennlich. Sophie hat das Gefühl endlich sie selbst sein zu können und will diese Freundschaft um keinen Preis riskieren. Doch dann schleichen sich andere Gefühle ein. Und ein Kuss. Und dann ist alles anders.

Es ist schon ein Weilchen, ja, fast ein ganzes Jahr her, als mich Anne Freytag mit „Mein bester letzter Sommer“ begeistern und in emotionale Untiefen stürzen konnte. Ich war deswegen so gespannt, als es dann hieß, dass sie ein neues Jugendbuch veröffentlicht. Meine Öhrchen fingen schon fast an zu schlackern, als es dann auch noch hieß, dass es um ein junges lesbisches Mädchen gehen würde.

In Zeiten von lauten Stimmen unter den Bloggern, die Diversität und Authentizität fordern, hat man es als Autor nicht immer leicht, den jeweiligen Ansprüchen der Leser und/oder Bloggern gerecht zu werden. Und gerade wenn es um Gay und Lesbian Romance geht, kann es unglaublich schwierig werden den richtigen Ton für die breite Masse zu finden.

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Wenn es nach mir geht, hat Anne Freytag das mit Den Mund voll ungesagter Dinge geschafft. Sie hat wieder ein sehr junges Buch, mit einer ebenso jungen Protagonistin erschaffen, die es einem nicht immer leicht macht, sie vollkommen zu mögen. Und der eine oder andere Vergleich zu dem Film „Blau ist eine warme Farbe“ bleibt nicht aus. Denn Sophie und Alex scheinen den beiden Mädchen aus dem Film manchmal zu ähnlich. In der Hinsicht kamen mir manchmal die Gedanken inwieweit die Idee zum Buch Den Mund voll ungesagter Dinge eigenständig war. 

Jeder der den Film kennt, kann sich da ein eigenes Bild machen. Ich mag da nicht zu viel vorweg nehmen, finde aber persönlich, dass ein gewisser Abschnitt und bestimmte Aspekte der Autorin offensichtlich als Inspirationsquelle gedient haben. Aber es sei auch dazu gesagt, dass sich beide Geschichten im weiteren Verlauf ungemein stark unterscheiden, deswegen sollte man das Buch nicht vorschnell verurteilen.

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Als Leser leben wir das Leben der Sophie. Ein junges Mädchen, kurz vor dem Abitur. Seit sie denken kann gibt es nur sie und ihren Vater. Dieses Bild wird jäh zerbrochen, als Sophie und ihr Vater zu Lena, der Freundin des Vaters, nach München ziehen. Das ruft so ein paar Spannungen und Probleme auf den Plan, die hier und da im Verlauf der Geschichte eingestreut werden. Mal mehr, mal weniger.

Ich habe den Mund voll ungesagter Dinge. Und ganz gleich, wie oft ich sie runterschlucke, sie kommen jedes Mal zurück. Manchmal wünschte ich, sie würden endlich überlaufen. Aber dann lasse ich es doch nicht zu. ─ S. 254

Zum einen sind da die inneren Konflikte, die Sophie mit sich selbst ausmacht. Nämlich die Enttäuschung, dass ihre Mutter sie als kleines Baby verlassen und sie mit dem Vater allein gelassen hat; die Trauer darüber, dass diese besondere Zweisamkeit zwischen ihr und dem Vater durch Lena gestört wird und sie sich plötzlich tatsächlich in einer intakten Familie wiederfindet. Dass dabei ein Schulwechsel ansteht und ihr bester Freund Lukas in Paris verweilt, macht die Sache nicht unbedingt besser. Was passiert mit einer Freundschaft, wenn eine dritte Person, in Form eines Partners, auftaucht? Was passiert mit der Familiendynamik, wenn sich zwei Patchwork-artig zusammenschließen? Wann spürt man denn, dass man homosexuell ist und nicht vielleicht bisexuell? All diese Fragen tauchen in dem Buch auf. Und sie werden nicht immer 100%-ig beantwortet, aber das ist, meiner Meinung nach, auch nicht die Aufgabe der Autorin.

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Obwohl Sophie wirklich nicht die Art Protagonist ist, dem die Sonne aus’m Arsch scheint, habe ich sehr schnell eine Sympathie für sie entwickelt. Vielleicht auch gerade weil sie etwas sperrig, zynisch und düster ist. Hier und da ist die Interaktion mit Sophie zwar etwas klischeehaft und ich könnte mir auch gut vorstellen, dass das den einen oder anderen Leser etwas nervt, aber wenn man Sophie offen gegenüber tritt und dem Buch mehr als 100 Seiten Zeit lässt sich zu entfalten, wird man mit einer wunderbaren jungen Liebesgeschichte belohnt.

Wenn ich nicht bald aus meinem Schneckenhaus herauskomme, wird sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Aber ich will, dass sie etwas mit mir zu tun haben will, weil ich etwas mit ihr zu tun haben will, und ich weiß noch nicht einmal warum. ─ S. 127

Die 400 Seiten des Buches haben sich für mich unfassbar leicht und zügig gelesen und obwohl es insgesamt auch ein eher ruhigeres Buch ist (bis auf die kleinen, fast schon obligatorischen Dramaspitzen), hatte ich permanent über die vier Tage in denen ich das Buch gelesen habe, enorme Lust weiterzulesen.

An der Stelle auch noch ein kleines Lob an Frau Freytag, dass sie sich getraut hat, lesbische Liebesszenen oder auch einfach weibliche Körper im Detail zu beschreiben und dem Leser nicht irgendetwas schwammiges vor die Füße geklatscht hat. Das hatte in dem Zusammenhang eine wunderbare Eindringlichkeit und auf besondere Weise, etwas Intimes. Und damit meine ich nicht auf sexueller Ebene. Sondern es hat gewisse Szenen atmosphärisch bereichert.

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Und dazu kam, dass ich Sophies Gedanken zu ihrer Anziehung zu Alex nachvollziehen konnte und deswegen unglaublich authentisch fand. Niemand der heterosexuell ist, kann sich zu 100 % in die Gedanken- und Gefühlswelt eines homosexuellen einklinken. Aber die Autorin ist dem, denke ich, sehr nahe gekommen. Denn diese innere Zerrissenheit, die Ungläubigkeit und das eigene Anzweifeln seiner Gedanken und auch die Schilderung eben die Bequemlichkeit und Komfortzone eines „normalen“ heterosexuellen Lebens zu verlassen kamen hier sehr glaubwürdig rüber. Natürlich tauchen auch Probleme und Stolpersteine zu diesem Thema auf, zum Beispiel befindet sich Alex in der Beziehung zu einem Jungen. Allerdings fand ich es schon erfrischend gut ein Buch über eine junge Liebe zwischen zwei Mädchen zu lesen.

Rundherum ist Den Mund voll ungesagter Dinge eine Geschichte aus dem alltäglichen Leben eines jungen Menschen. Zauberhaft geschrieben mit Anne Freytags gefühlvollem und leichtem Schreibstil. Wenn auch das Ende letztendlich sehr schnell kam.


Fazit

Ich habe das Gefühl dem Buch gar nicht richtig gerecht zu werden in dieser Rezension. Ich kann das Buch nur empfehlen. Es hat mich emotional nicht so durchgerüttelt wie Anne Freytags letztes Jugendbuch, allerdings hätte ich das hier auch als fehlplatziert empfunden. Den Mund voll ungesagter Dinge ist nicht gänzlich unkitschig, allerdings war hielt es sich noch im Rahmen, weswegen ich die gesamte Geschichte eher als süß und erfrischend empfand.


Infos zum Buch

 


Weitere Rezensenten:

Buchhaim | Liberiarium | Sharon Baker liest…

 

 

 

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11 thoughts on “Den Mund voll ungesagter Dinge ─ Anne Freytag

  1. Hi Rebecca,

    ich hatte das Buch schon im Blick. Deine Rezi ist sehr anschaulich geworden und ich kann mir die Stärken und Schwächen des Buches jetzt gut vorstellen. Du hast mich jetzt irgendwie auch sehr neugierig auf Anne Freytags voriges Jugendbuch gemacht!
    Liebe Grüße
    Melli

    1. Hallo Melli,

      schau dir gerne noch ihr letztes Buch an. Ich fand es wirklich super. Und Anne Freytags Bücher lesen sich so unglaublich schnell und man mag sie kaum weglegen.
      Lass es mich unbedingt wissen, wenn du die Bücher gelesen hast!

      Liebste Grüße
      Rebecca

  2. Hi Rebecca,
    irgendwie hatte ich in Erinnerung, dass ich dir schon einen Kommentar dagelassen habe. Ich hole das jetzt einfach nach.
    Deine Rezension ist so ausführlich und gut strukturiert, total toll! 🙂
    Ich fand Sophie, abgesehen von ihren kleinen Zickereien, auch total super. Manchmal schon viel zu erwachsen für ihre 17 Jahre.
    Die Liebesszenen und die Körper sind wirklich gut beschrieben. Nicht zu viel Plüsch, nicht zu wenig/viele Details – genau richtig. Ich finde es so gut, dass das Thema nicht so aufgebauscht wird. Es ist einfach Sex, so what?
    Liebste Grüße,
    Elli

    1. Liebe Elli,

      und ich hätte jetzt schwören können, dass ich hierauf längst geantwortet hätte, aber mein Kopf ist ein Sieb. 🙈

      Danke für dein Feedback! Hast du jetzt eigentlich vor „Nur drei Worte“ zu lesen, jetzt nachdem dein Irrtum aufgeklärt ist? 😆

      Herzliche Grüße
      Rebecca

  3. Hallo Rebecca,

    sehr schöne Rezi zu einem sehr schönen Buch. Ich wollte nur nachfragen, ob ich deinen Post mit meiner Rezi verlinken darf.

    Ich hätte gerne noch ein paar andere Leserstimmen, so wie du das auch hier hast. Ich hoffe, dass sich damit viele dieses Buch anschauen und auch lesen.

    Danke und Liebe Grüße aus Tirol
    Marie

    1. Hallo Marie,

      ich glaube, ich hatte dir schon bei Facebook geantwortet, oder?
      Klar und supergerne! Ich freu mich über jede Verlinkung!

      Hab noch einen schönen Sonntag!

      Herzliche Grüße
      Rebecca

  4. hört sich nach einem sehr lesenswerten buch an! allerdings glaube ich, dass kein buch je an das lieblingsbuch meiner jugend herankommt – die mitte der welt von andreas steinhöfel. mir war eigentlich jahrelang nicht bewusst, dass er homosexualität in diesem buch zum thema gemacht hat, weil es so natürlich im verlauf der geschichte integriert war, etwas, das ich ganz besonders wichtig am umgang damit finde: die normalität. eine liebesgeschichte ist eine liebesgeschichte, ganz egal, zwischen wem sie stattfindet. falls du es nicht kennst, kann ich es dir nur ans herz legen!

    1. Danke für den Buchtipp! Ich werd mir das mal genauer ansehen. Ich möchte unbedingt mehr solch „besondere“ Bücher lesen.

      Liebste Grüße
      Rebecca

  5. Hallöchen,
    da greife ich doch direkt mal deine Wortwahl auf: Ich finde, Anne Freytag hat hier genau den richtigen Ton getroffen. Sie hat das LGBT in meinen Augen wirklich gut umgesetzt. Vor allem Sophies widersprüchliche Gefühle waren für mich total greifbar und mitreißend.
    An sich ist das Thema nicht so mein Fall. Ich bin bisher nicht wirklich mit dem Thema LGBT in Berührung gekommen. Und in Jugendbüchern mit Liebesgeschichte lese ich dann doch lieber über die Konstellation, die bei mir selbst auch möglich wäre.

    Aber Freytag konnte mich trotzdem überzeugen, weil diese Gefühlswelt das alles noch einmal auf eine ganz andere Ebene gehoben hat. Mir geht es da wohl ähnlich wie dir 🙂

    Auch hier hab ich dich wieder in meiner Rezension verlinkt 🙂
    Liebste Grüße
    Kate ♥

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