Die Geister, die ich rief | www.goldblatt-blog.de

Die Geister, die ich rief – die Vergangenheit loslassen

Es ist schon ein Weilchen her. Und mit Weilchen meine ich genau genommen 12 Jahre. Eine ganze Dekade und ein bisschen mehr. So viel Zeit ist vergangen, als ich zuletzt in einer gewissen Kleinstadt war. Rheinberg. Ich verbinde mit diesem Ort eine Vergangenheit. Und entgegen den gängigen und ersten Vermutungen, sind es keine schönen.

Dieser Ort ist für mich ein kleiner dunkler Fleck auf dem Herzen. Er ist ein Sinnbild für eine Zeit, die mich bei jedem Gedanken daran, in eine gewisse Stimmung zurücktransportiert. Ausgrenzung ist unschön. Streit ist unschön. Mobbing ist sehr unschön. Ein heranwachsender Mensch, der kein Ziel vor Augen hat, von allen Eindrücken schlicht erschlagen wird und so oft es ging versuchte, diesen Situationen auszuweichen. All das verbinde ich mit diesem Ort.

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Ohne zu stark ins Detail zu gehen, das ist ein ordentliches Päckchen. Und auch wenn ich es ungern zugeben mag, manchmal kämpfe ich noch immer gegen die Dämonen aus dieser Zeit. Mit den Worten, die da entgegen schlugen. Mit dem Verhalten gewisser Menschen und den Folgen des Selbstwertgefühls. Aber das ist wirklich eine Seltenheit geworden. Insgesamt habe ich mit meinen Eltern gut 1,5 Jahre dort gewohnt. Aber diese Zeit war von solch einer Negativität geprägt, dass ich – zugegeben – sehr urteilend (im negativen – welch Überraschung) dieser Stadt und den Nachbarortschaften gegenüber stand. Ich wusste es damals noch nicht, aber ich bin nicht nur ein schüchterner Mensch. Ich bin ein introvertierter Mensch. Es kostet mich viel Überwindung auf Menschen zuzugehen und mich ihnen zu öffnen. Als Teenie wusste ich das nicht. Da wurde Introvertiert mit Schüchtern gleichgesetzt und als Neuling in einer neuen Stadt, auf einer neuen Schule, in der man niemanden kennt, ist es nie leicht. Und wenn man in so einer kleinen Stadt vielleicht etwas gegen den Strom schwimmt, weil man nicht so ist, wie alle anderen, dann hat man eben alle anderen auf der anderen Seite. Und Kinder, wie Jugendliche, können bekanntermaßen grausam sein. Um es kurz zu machen: Ich assoziiere mit diesem Ort eine unglaubliche Negativität, Engstirnigkeit und schlimme Zeit.


Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit eben dieses Städtchen zu besuchen. Spontan. Aus einer Laune heraus und weil ich plötzlich das Bedürfnis hatte, diesen Ort noch einmal zu besuchen. In den Jahren davor hatte ich mir das immer mal wieder vorgenommen. Es hat sich aber nicht ergeben. Vielleicht wollte ich auch damit abschließen. Damals als ich mit meiner Mutter wieder zurück nach Wuppertal zog, war das eine sehr schnelle „Nacht-und-Nebel“-Aktion. Zwar mitten am Tag, aber es ging alles sehr schnell und ich habe nur noch Bruchstücke von dem Tag im Kopf. Deswegen war es mir seit Jahren irgendwie ein Bedürfnis zurückzugehen. An den Ort, der sehr gemein in meiner Vorstellung war und damit ich mit Abstand Goodbye sagen kann?

Aber warum? Ich kann es nicht genau sagen. Ich wollte den alten Schulweg abklappern, bestimmte Orte und Punkte besuchen, die sich in meine Erinnerung gefräst haben. Eben um damit abzuschließen. Meiner Seele, meinem Kopf einen Abschluss zu geben und eventuell nach all der Zeit auch etwas Schönes in diesem Ort zu entdecken. Ich bin also mit meinem Freund zusammen in diesen Ort gefahren. Er wusste schon vieles aus dieser Zeit, aber es tat gut, während wir dort entlangwanderten, alles nochmal zu erzählen, anhand von Beispielen, die man live und real zeigen konnte. Das ist was ganz anderes, besonders wenn man die Bilder, nicht wie ich, vor Augen hat. Und vielleicht verdanke ich ihm ein wenig das Resultat. Denn er war von der Schönheit des Ortes begeistert. Ländlich, winzig und urig mit einem besonderen Charme. Dieser Ort hat tatsächlich Charme.

Das ich das mal so schreibe, hätte ich vor einigen Jahren wirklich nicht geglaubt.

 

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Als wir so durch die Stadt gingen, empfand ich ganz viel Zwiespalt. Ich musste zugeben, dass dieser Ort hübsch war. Dass dieser Ort ruhig und idyllisch und nicht mehr dieser düstere Ort war, den ich so oft in meiner Jugend oder zuletzt in meinen Erinnerungen durchwandert war. Zeitweise war es sogar auf eine witzige Art skurril und ich musste über komische Eigenarten des Ortes lachen. Selbst, wenn man mit der Bäckereifachverkäuferin kurz plauschte war das kein Verrat an meinem Vergangenheits-Ich. Das musste mir auch erst bewusst werden. Ich habe begriffen, dass dieser Ort und die dort lebenden Menschen nicht pauschal böse sind (und die Mehrheit ja gar keinen Einfluss auf mich während meiner Zeit dort hatte). Ich wage es sogar, meinem grollenden Vergangenheits-Ich die Hoffnung zu geben, dass diese Menschen, die einst sehr unschöne Dinge sagten und taten, heute bessere Menschen sind. Und selbst wenn dem noch nicht so ist, wird es eines Tages unter Umständen so sein. Hoffentlich.

Ich bin tatsächlich froh noch einmal nach einer Ewigkeit dort gewesen zu sein. Der Tag dort war wunderbar. Ich finde das selbst über alle Maßen erstaunlich, auch wenn es hier gar nicht so rüberkommt. Eventuell lag es daran, dass mein Partner mit dabei war und mich in der Gegenwart festhielt. Wir haben viel gelacht, er hat mir auf eine gewisse Art Trost gespendet, auch wenn ich nicht traurig war. Es war eher ein stetes Staunen. Dieser Ort hat sich nur ein wenig verändert, ansonsten sieht es wie vor 12 Jahren da aus.

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Dieser Tag war überfällig. Dieser Tag war nötig. Das weiß ich jetzt. Ich habe vor Jahren aufgehört einen tiefen Groll zu hegen. Es bringt absolut nichts in der Vergangenheit zu leben. Und gerade diese war so unglaublich ungesund. Diese Vergangenheit bestimmt mich nicht mehr so, wie mit 17 oder 18. Man könnte sagen, dass Gras über die Sache gewachsen ist. Dieser Besuch hat mir das bestätigt. Ich brauchte diesen Besuch, um tatsächlich damit endgültig abzuschließen, aber nun kann ich diesen Ort wieder so sehen, wie er in der Gegenwart ist. Die Vergangenheit werde ich niemals komplett ausblenden können, aber ich kann mit ihr besser leben und in diesem Ort die Gegenwart sehen. Nicht die Vergangenheit und das tut ungemein gut.

Es sind eben viele Jahre vergangen. Diese Zeit war nicht einfach. Die Zeit danach war nicht immer einfach. Aber ich bin erstaunlicherweise erwachsener geworden. Irgendwann, während mein Freund und ich über den Schulhof meiner alten Schule liefen, erwähnte ich sogar, wenn es damals so toll und prächtig dort gelaufen wäre, wären wir uns vielleicht nie begegnet. In dem Sinne hat es wohl etwas Gutes, dass die Vergangenheit eine Form hat, wie sie in meinem Fall eben hat. Ich habe aus dieser Zeit so viel gelernt. Über mich. Über andere. Dinge, die ich in dieser Gesellschaft nicht tolerieren mag. Dinge, die man besser machen kann. Ich selbst, aber auch andere. So ungern ich das zugeben mag, diese Zeit hat mich geprägt. Vielleicht so sehr, wie keine andere. Auf ganz besondere, ganz nachhaltige Art und Weise.


Jeder schleppt so seine Päckchen durch’s Leben. Es ist egal, wie groß oder klein das Problem nach außen hin scheint. Wenn es dich als Person traurig macht, verzweifeln lässt und du einfach kein Licht mehr am Ende des Tunnels siehst, kann das unglaublich frustrierend und niederschmetternd sein. Manche kriegen das allein hin, manchmal braucht es Zeit. Aber das ist eben nicht immer der Fall. Manchmal schämt man sich auch ganz irrational, weil man eine Person ist, die von anderen einfach nicht gemocht wird oder Probleme mit sich selbst oder dem Leben hat. Aus diesem Grund schließe ich diesen Beitrag auch damit ab, ein paar Anlaufstellen aufzulisten. Wenn ihr also selbst gemobbt, ausgegrenzt oder euch in einer anderen Lebenskrise wiederfindet, dann wendet euch bitte an folgende Adressen:

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6 Gedanken zu “Die Geister, die ich rief – die Vergangenheit loslassen

  1. Ich finde den Post schön und sehr offen. Witzigerweise habe ich vor ein paar Wochen auch einen Ort besucht der meine Heimat war und doch nicht. Aber das hat nicht an den Ort gelegen sondern an mir und meiner Lebenssituation. Und mit diesen Besuch habe ich auch etwas abgeschlossen, was mir bis dahin nicht klar war.

    lg carlinda

    1. Hallo Carlinda,

      ich hoffe, dir geht es jetzt auch viel besser damit. Manchmal ist einem sowas tatsächlich nicht klar, dass da unterschwellig noch etwas sitzt, bis zu dem Moment, in dem man sich dem stellt.

      Liebste Grüße und danke für deinen Besuch

      Rebecca

  2. Hallo Rebecca,
    ich finde es toll, das du überhaupt den Mut hast und so einen persönlichen Post schreibst!
    Ich kann dich gut verstehen, habe irgendwann selbst mit einer blöden Vergangenheit irgendwie Frieden gefunden und lebe glücklich damit.
    Vielen Dank, dass du deine Leser auch an solche Themen führst!!

    Liebe Grüße Anett

    1. Hallo Anett,

      ich hab auch erst gezögert, den Beitrag zu veröffentlichen. Aber irgendwie dachte ich, dass es vielleicht ganz viele andere gibt, die wenn auch nur im Ansatz sowas ebenfalls erlebt haben bzw empfinden. Und da hilft manchmal sowas von anderen zu lesen. Dass das geht.

      Ganz lieben Dank für dein Feedback.

      Schönes Wochenende!

      Rebecca

  3. Meine liebe Rebecca,
    ich ziehe meinen Hut vor dir! Ich selbst war letztes Jahr kurz davor, einen Ort aus meiner Vergangenheit zu besuchen und hatte schlussendlich doch nicht den Mut dazu. Dabei verbinde ich mit ihm noch nicht einmal Negatives, im Gegenteil, für mich ist das der Ort, an dem ich das letzte Mal uneingeschränkt glücklich war, mich unbeschwert fühlte und das Gefühl hatte, frei zu sein. Und jetzt habe ich Angst, dass diese Seifenblase, die ich um diesen Ort erschaffen habe, zerplatzt, wenn ich hinfahre und sehe, dass nichts mehr ist, wie es mal war. Denn natürlich ist es das nicht. Wir sind alle erwachsen geworden, meine alte Schule gibt es nicht mehr und die meisten Menschen, die ich mit dem Ort verbinde, leben schon längst woanders. Es ist nicht mehr das Zuhause, das ich kannte, nicht mehr MEIN Zuhause, dass weiß ich, aber mein Herz möchte diese Wahrheit lieber ignorieren und wann immer es an diesen Ort zurückdenkt nur das Zuhause sehen und nicht das, was es jetzt ist. Ergibt mein Geschreibsel jetzt einen Sinn?

    Fühl dich ganz lieb gedrückt!
    Maike

  4. Liebe Rebecca,
    das ist wirklich ein sehr bewegender Text, den du da geschrieben hast. Und die Bilder dazu finde ich so unglaublich passend. Dieser wunderschöne See/Teich, verboten ruhig; dieses stillliegende Spielplatzkarussell…alles strahlt eine profane Kontinuität aus, eine Gelassenheit, an der man laut rütteln möchte.
    Ich selbst komme auch aus einer Kleinstadt, die idyllisch ist und wie ein kleines Stars Hollow wirkt.
    Meine Familie lebt noch heute dort und jedes Mal, wenn ich dort bin, fühle ich mich wieder wie das kleine verlorene Mädchen von damals. Ich kann nichts tun.
    Es ist unglaublich, wie ein Ort die Unsicherheit deiner Jugend einsaugen und dich immer wieder damit konfrontieren kann.
    Ich glaube aber auch, dass uns solche Erfahrungen- so schlimm sie auch sein mögen- enorm prägen und unsere Sicht auf die Welt verändern.
    Ohne den grandiosen Schmerz meiner Vergangenheit wäre ich heute nicht ich und du nicht du.
    Viele liebe Grüße,
    Karlotta (ein Texthäkchen)

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