Rezension | Ich fühle was, was du nicht fühlst | www.goldblatt-blog.de

Ich fühle was, was du nicht fühlst ─ Amelie Fried

India, ein dreizehnjähriges Mädchen lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder Che im Süden Deutschlands. Schon immer wurde sie aufgrund ihrer Begabung und ihrem Elternhaus ausgegrenzt. Vor allem macht ihr aber ihre Synästhesie zu schaffen, weswegen sie die Musik kaum erträgt. Eines Tages aber gibt ihr Nachbar, der Vater ihrer besten Freundin, die Möglichkeit Klavierspielen zu lernen. Und das ändert nicht nur die Beziehung zur Musik, sondern auch die Beziehung zu ihm…

Meinung

Sie ist anders. Von Anfang an.
Die Rede ist von India.

Und wie anders India und ihre Sicht auf die Welt ist, hat Amelie Fried mit Ich fühle was, was du nicht fühlst auf besondere Art und Weise dargelegt. Wenn man sich den Klappentext durchliest hat man schon eine gute Zusammenfassung vom kompletten Inhalt der Geschichte. Besonders groß ist der Interpretationsraum nämlich nicht. Final gipfelt dieser 400 Seiten-Roman in dem Thema Missbrauch. Unter Umständen könnte man an dem Punkt gefrustet sein, weil dem Leser viel vorweg genommen wird. Andererseits kann man nicht behaupten, dass man nicht gewusst hätte, was einen erwartet. Und wer jetzt meint, dass das Buch damit keine Überraschungen mehr bietet, der irrt. Ich wurde an vielen Stellen doch noch überrascht. So steht, zum Beispiel, der Vorwurf um Missbrauch von Schutzbefohlenen erst relativ spät im Raum. Davor spielt die Autorin lange mit dem Leser und thematisiert allerhand anderer Baustellen.

Erwachsene waren so komisch. Wussten immer alles genau und machten dann alles anders. Waren unzufrieden. Getrieben von dem Drang, Dinge zu verändern. ─ S.339

 

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Aber wie sieht das aus?

Was ich schnell zu Beginn der Geschichte um India, ihren Bruder Che und den Hippie-Eltern bemerkt habe, ist die feine Art von Amelie Fried die Figuren zu skizzieren. Sehr markant und mit viel Gespür dafür, in welche Richtungen sich die Charaktere innerhalb der Handlung entwickeln müssen. So unscheinbar manche Sätze oder Aktionen von den Figuren dargestellt werden, am Ende sind es die feinen Nuancen, die den Unterschied machen und der Geschichte eine bemerkenswerte Tiefe und Wendung geben. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass Ich fühle was, was du nicht fühlst einen gewissen Drive hat. Obwohl es sehr lange so wirkt, als würde die Geschichte so vor sich hinplätschern.

Aber ich möchte zuerst bei India anfangen. Sie als Protagonistin finde ich bemerkenswert interessant. Außerordentlich und offensichtlich hochbegabt, ist sie immer die Außenseiterin. Von Mitschülern ausgegrenzt, von vielen unterschätzt und doch irgendwie um ihre Intelligenz beneidet. Mit einem zynischen und scharfen Blick für das Wesentliche, entgehen ihr selten Eigenheiten. Verhaltensmuster von Gleichaltrigen, aber auch Erwachsenen. Oftmals scheint so viel Reife in ihr durch, dass ich es erstaunlich, wie bedenklich finde, dass sie erst dreizehn Jahre alt sein soll.

Dann ergeben sich Situationen wie im Schwimmbad. Da spürt man, dass sie einfach unsicher und sozial etwas unterentwickelt ist. Durch die soziale Ausgrenzung stigmatisiert, wird sie sehr schlecht mit fremden Leuten warm. An normalen Smalltalk ist gar nicht zu denken. Man mag glauben, dass India einfach introvertiert ist. Doch ich behaupte mal, dass das gar nicht der eigentliche Grund ihrer Zurückhaltung ist. Vielmehr ist es die Unwissenheit und fehlende Erfahrung mit Gleichaltrigen, die sie so gefangen hält. Das i-Tüpfelchen stellt ihre Synästhesie dar, die befremdlich, aber auch unglaublich intensiv beschrieben ist.

Im Laufe des Sommers, blüht sie schließlich auf. Dank der Nachbarstochter, und der einzigen Freundin, die sie hat. Bettina. In dieser Zeit lernt sie einiges über Jugendliche und ihre Art. Und beginnt, wie ein Äffchen ein Verhaltensmuster zu kopieren. Und plötzlich klappt es mit den Kontakten zu Mitschülern. Vor allem nachdem sie eine Klasse überspringen muss. An anderen Stellen oder in anderen Büchern sind das die Momente, wo die Protagonisten ihren roten Faden verlieren. Sie um hundertachtzig Grad drehen. Aber nicht India. Für sie ist dieses Interagieren können mit Leuten ihres Alters nur Fassade. Eine Haut, die sie sich am Tag anzieht, und am Ende des Tages, oder wenn sie allein ist, wieder abstreift. Sie macht sich das Wissen zunutze. Insgeheim sehnt sie sich aber weiterhin danach, einfach für ihre Persönlichkeit, ohne sich verstellen zu müssen, geliebt zu werden. Gleichgesinnte und wahre Freunde zu finden.

 

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Natürlich sollte Liebe und ein gewisses Selbstvertrauen aus dem Elternhaus entspringen. Das fehlt hier. Aber da ist leider auch der Ursprung allen Übels.

Ihre Eltern sind freie Geister. Hippies. Durch und durch. Ihre Mutter ist eine sich stets selbstsuchende Esoterik-Fanatikerin und Yoga-Lehrerin; ihr Vater ein freischaffender Künstler und Schriftsteller, der so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er Käfig und Freiheit zugleich für sich selbst und sein Umfeld darstellt. Der Erziehungsstil der beiden gegenüber ihren Kindern ist mehr als locker. So locker, dass India und ihr Bruder Che, in diesem rahmenlosen Rahmen von freier Selbstverwirklichung und -entwicklung weder ein noch aus wissen. Und manchmal tut es einem als Leser einfach nur weh zu sehen, wie India und Che um die Aufmerksamkeit der Eltern buhlen. Dass sie sich nach Beachtung, aber auch Strenge sehnen. Nach Regeln und Beständigkeit. Einen Ankerpunkt.

Wie sollten wir Orientierung bekommen, wenn wir in jede Richtung laufen konnten, ohne dass jemand uns aufhielt? Unsere Eltern propagierten Freiheit als höchsten Wert ihrer Erziehung, aber Che mochte keine Freiheit, er fühlte sich in ihr verloren. ─ S.59


Besonders bei Che wird das deutlich. Er wendet sich in seiner Suche nach Zugehörigkeit und Halt seinem Großvater mütterlicherseits zu, der noch den Nationalsozialismus miterlebt und gelebt hat. Was definitiv zu Spannungen in der Familie führt. Denn der Vater und der Großvater sind sich nicht ganz grün. Warum das so ist, erfährt man lange Zeit weder als India, Che oder als Leser. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass auch Che sich mit dem Nationalsozialismus identifiziert.

Kein Wunder, wenn die Eltern einen kommen und gehen lassen, nicht mal nachfragen, wie man seine Zeit verbringt. Oder simpel Regeln aufstellt. Aber Standards werden in diesem Haushalt ausgehebelt. Wie die Türen. Privatsphäre wird überbewertet. Warum lassen die Eltern es soweit kommen? Wieso unterstützen sie diese Orientierung noch blind? Denn das tun sie tatsächlich als sie Che in ein Sommercamp gehen lassen, in denen sich Gleichgesinnte der rechten Szene treffen. Unter einem Deckmantel. Das war der Punkt, wo ich mich fürchterlich über die Eltern aufgeregt habe. Und wo mir das erste Mal klar wurde, was für ein wunderbares Buch ich in den Händen halte.


Denn durch diese merkwürdige und sehr freie Art ihre Kinder zu erziehen, entstehen Fragen. Und es entstehen Handlungen und Konflikte, die ich so nicht erwartet habe. Die Gedanken hängen dem Gelesenen nach. Man stellt sich die Fragen, warum die Eltern so einen Erziehungsstil haben und beibehalten. Ob man im Zuge der eigenen Verwirklichung seine Kinder dermaßen in der Luft hängen lassen sollte. Wie viel Schuld die Eltern eigentlich haben. Was man in solchen Situationen, wenn das eigene Kind auf die schiefe Bahn gerät, tun sollte. Ob man so etwas überhaupt verhindern kann. Wie viel Freiraum für Kinder gut und schlecht sein kann. Wann der Segen und der Fluch eintritt.

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Doch das ist nur ein Bruchteil von dem, was einen als Leser erwartet. Hier werden natürlich in Hinblick auf India das Thema Mobbing oder Synästhesie sehr stark behandelt. Und das nicht immer nur auf offensichtliche Art. Oftmals sind es subtile Aspekte, die eine Langzeitwirkung bei mir hervorgerufen haben.

Und nicht zu vergessen die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich unter den Thematiken wie Nationalsozialismus, Esoterik, Missbrauch etc. entwickeln und anfangen zu bröckeln.

Amelie Fried hat in  Ich fühle was, was du nicht fühlst auf sehr authentische Art beschrieben, wie es ist, das Offensichtliche nicht zu sehen, wenn man es nicht wahrhaben möchte. Sei es durch Liebe, durch Torheit oder einer Ignoranz. Und wie viel Überwindung es kostet, diese Blindheit ins Erkennen zu wandeln und schlussendlich etwas zu tun.

Obwohl ich natürlich das Thema mit dem Missbrauch nur kurz angeschnitten habe, lässt sich eben genanntes Phänomen auch auf diesen Part der Handlung übertragen. Ich werde an der Stelle auch nicht mehr zu diesem Teil der Geschichte sagen, da es sonst noch mehr spoilert.

Ich fühle was, was du nicht fühlst hat mich definitiv in vielen Punkten überrascht, durch seine Charaktertiefe, durch diese vielen schweren Themen. Bei der Frage, ob die Geschichte damit zu überladen ist, würde ich verneinen. Amelie Fried hat es geschafft ein Gleichgewicht in diese Geschichte zu bringen, die man so nicht erwartet. Dennoch muss ich einen kleinen Kritikpunkt äußern. Und das ist tatsächlich das Ende. Es war mir am Schluss einfach nicht würdig. Es war zu schnell erzählt, sogar irgendwie platt und hat mich als Leserin sehr unbefriedigt zurückgelassen.


Fazit

Ich fühle was, was du nicht fühlst von Amelie Fried ist wertvoll in seinen Botschaften zwischen den Zeilen. Es ist eine empfehlenswerte Geschichte, welche den Leser nachdenklich stimmt. Im  gleichen Atemzug finde ich das Buch sehr erfrischend in seiner Erzählung und ich habe die Geschichte wie ein Schwamm aufsaugt.


Kennt ihr ähnliche Bücher, die so viele Themen-Baustellen haben?

 

Weitere Rezensenten:

Buchliebe by Kerstin | Die Buchblogger

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2 Gedanken zu “Ich fühle was, was du nicht fühlst ─ Amelie Fried

  1. Das klingt nach einer besonderen Geschichte und einem beeindruckenden Buch. Von dem habe ich vorher noch nie was gehört, aber du hast mich jetzt echt neugierig gemacht.
    Eine wirklich schöne Rezension.

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