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Pendlererguss

Ich rümpfe die Nase und drehe mich um. Da. Da ist er. Der Ursprung meines Übels. Natürlich ist er es! Raucht, artikuliert sich ziemlich einfach und grammatikalisch nicht wirklich einwandfrei, aber wen juckt’s? Er glotzt, und glotzt, und glotzt. Und gut riechen ist auch was anderes. Hab ich was im Gesicht?

Was glotzt du so? Hast du nichts Besseres zu tun? Geh weiter und sieh mich nicht mehr an! Los!

Das denke ich und sage es nicht.

Eigentlich will ich nicht so sein. Ich mag das nicht. Der Ton macht die Musik, nicht wahr? Aber ich kann aus meiner Haut nicht raus. Ich sehe mich hier am Bahnsteig um. Ich bin genervt. Ich bin gestresst. Ich will nur noch heim. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Sitzplatz ergattere tendiert gegen Null. Ich hasse das.

Ich bin nicht eins dieser Arschlöcher, die die Leute nicht erst aussteigen lassen und stattdessen zum erstbesten freien Sitz preschen. Ich bin kaputt, ich bin müde. Aber ich versuche nett zu sein. Irgendwie. So zu sein, wie man mich erzogen hat. Frauen und Kinder zuerst, danach die Rentner. Jeder darf vor mir rein. Denn eigentlich bin ich ja noch jung. Wenn der alte Mann dann mit seinem Gehstock fuchtelt, dann sprinte ich und räume meinen Platz. Keine Frage. Egal, ob ich müde bin. Abgeschlagen. Vielleicht sogar krank. Denn äußerlich bin ich jung und ohne Gebrechen. Ich stelle mich also wieder hinten an. Stehe. Warte. Stehe. Warte.

Mir tun die Füße weh. Ich habe Rückenschmerzen. Die Luft ist stickig und bis ich ins Bett muss, sind es nur noch wenige Stunden. Was krieg ich in der Zeit noch alles hin? Was esse ich zu abend? Esse ich noch zu abend? Wo ist die Zeit geblieben? Sieht so mein Leben aus?

Tagein, tagaus. So sieht es aus. So wird es immer aussehen. Egal, ob ich einen geilen Job, mit geilen Kollegen habe. Egal, ob ich einen beschissenen Job, mit noch beschisseneren Kollegen habe. Am Ende bin ich allein. In der Bahn. Unterwegs. Nach Hause. Endlich.

Oh, ein Sitz ist frei. Und ich darf endlich egoistisch sein. Kein kleines Kind, keine Mutter, keine alten Menschen, die es nötiger haben.

Ich hole mein Buch aus der Tasche, lege es auf meinem Schoß ab und suche nach einem Kaugummi, einem Bonbon, irgendwas. Meine Lippen, mein Mund, mein Rachen, alles ist trocken. Genervt gebe ich auf und widme mich wieder meinem Buch. Lese den ersten Satz. Lese den zweiten. Den dritten. Und nochmal. Den ersten, zweiten und dritten. Und nochmal. Ich seufze stumm. Der Kerl, der mir gegenüber sitzt macht es sich gemütlich. Beine breit, Knie nach vorne. Meine Wenigkeit ist so unscheinbar, wahrscheinlich sieht er mich in meiner Unsichtbarkeit gar nicht, wie ich direkt vor ihm, gegenüber von ihm, in einem schwarzen Mantel mit rotem Schal sitze und mit den Augen rolle.

Mach es dir bequem! Ist schon okay! Ich bin gar nicht da!

Denke ich und sage es nicht.

Wie viel Uhr ist es denn jetzt schon? Meine Haltestelle müsste gleich kommen. Nach weiteren fünf Stopps. Oder sind es noch sechs?

19:43 Uhr. Ein Blick aufs Smartphone verrät mir, dass ich in ca. einer halben Stunde zuhause bin. Dann brauche ich der Erfahrung nach ungefähr eine halbe Stunde bis ich runtergekommen bin. Runterkommen ist wichtig geworden, damit ich nicht sarkastisch, gemein oder flapsig auf Fragen vom Partner antworte. Auf dem Smartphone leuchtet mir eine runde rote 6 entgegen und sagt mir damit, dass in der Zwischenzeit wieder sechs weitere E-Mails gekommen sind, seit ich vor ungefähr fünfzehn Minuten in die Bahn gestiegen bin. Dazu noch weitere vier Nachrichten bei Whatapp. Ein verpasster Anruf. Oh. Meine Mutter. Die muss ich auch mal wieder anrufen.

Das Knie meines Gegenübers stößt gegen meins. Ich weiche noch weiter in den Sitz zurück. Wage einen genervten Blick in sein Gesicht. Der Relaxo-Typ zuckt kurz zusammen und kann sich doch aufrecht in einen Sitz setzen. Lustig.

Mein Blick schweift in der vollen Bahn umher. Menschen über Menschen. Alle versuchen sich im Genervtsein zu übertreffen. Bis auf die Teens da etwas weiter hinten. Gekichere, Gelache, Gepose. Sie sind sehr mitteilsam. Sie möchten uns allen ihren Lieblingssong präsentieren, indem sie wohl absichtlich die Musik über Lautsprecher hören. Das ist mein liebster Moment. Nach so einem Tag irgendeine Musik hören, die nicht meinen Musikgeschmack trifft. Getoppt wird das alles noch von meiner neuen Sitznachbarin.

Ein schweres, aufdringliches und in übermaßen aufgetragenes Eau de Cologne.

Schon mal davon gehört, dass nicht immer viel viel hilft? Anscheinend nicht.

Jetzt bekomme ich auch noch Kopfschmerzen und ein bisschen übel wird mir auch. Der Tag läuft ja optimal. Denk an was Schönes. Deinen nächsten Urlaub. Wenn es den denn gibt. Ob du die Tage kriegst, hast du immer noch nicht gesagt bekommen. Geil. Ein Blick durchs Fenster. Ich tu mal so, als würde ich in die Ferne schauen. In das Grünzeug, die Städte, die an mir vorbeirasen, so dass ich eh nix erkenne. Ganz zu schweigen davon, dass es draußen es duster ist. Also schaue ich nach draußen. Und sehe eigentlich mich in der Spiegelung an. Verstohlen. In der Hoffnung, dass es niemanden auffällt.

Ich sehe so müde aus, wie ich mich fühle. Ich sehe so verspannt aus, wie ich es empfinde. Und traurig.

Ich packe das Buch wieder zurück in die Tasche. Ich werde wohl wieder nichts lesen. Ich komm nicht weiter. Vielleicht morgen.
Sobald es verstaut ist, klaube ich all meine Sachen zusammen, zupfe am Schal, richte mich auf, wende mich meiner Sitznachbarin zu und säusle ein höfliches:

Entschuldigung!

Ich denke und sage es.

Ich steige aus.

 

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13 Gedanken zu “Pendlererguss

  1. Wundervoll geschrieben! Ich konnte mich absolut in die Situation hineindenken & hätte dich am liebsten gerüttelt liebe Rebecca! Ja, man soll höflich sein. Ja, Sarkasmus eckt gerne an. Und? Sarkasmus ist nicht immer gleich fies sein! Und nur denken & niemals aussprechen mach Bauch- & Kopfschmerzen!

    Dein Text gefällt mir mehr als gut!! Und ich denke du hast hier vielen aus der Seele gesprochen …

    Liebste Grüße
    Janna

    1. Hallo Janna,

      mittlerweile bin ich nicht mehr dieser Hardcore-Pendler, deswegen war es eher ein Blick in die Vergangenheit. Heute bin ich auch nicht mehr so nachsichtig. Dafür ist die Zündschnur mittlerweile zu kurz.
      Aber letzte Woche war ich irgendwie in diesem Mood drin, weswegen das alles so locker flockig von der Hand zu tippen war. Schön, dass dir der Beitrag gefällt! 😀

      Danke und liebe Grüße
      Rebecca

        1. Ich versuch’s. Ich hab nur so wenig Zeit und Elan im Moment. Bin schon froh zum Lesen zu kommen.
          Aber ich denke, solche Beiträge wird es wirklich häufiger geben. Vielleicht weniger grumpy, aber trotzdem mehr davon. Das macht mir halt auch so viel Spaß zu schreiben. ♥

          Schönes Wochenende dir und deinen Lieben!
          Rebecca

  2. Hi Rebecca,
    ein schöner Text, der mich direkt zu unserem Hauptbahnhof katapultiert hat. Zu viele Menschen ohne Manieren in zu kleinen Straßenbahnen. Das Beste daran: Irgendwann aussteigen, noch ein paar Minuten nach Hause laufen, frische Luft schnappen und einen langen Tag hinter sich lassen.
    Lass dich nicht unterkriegen!
    Liebe Grüße,
    Elli

    1. Hallo Elli,

      sorry, dass ich erst so spät antworte. Aber der Alltag…

      Erst einmal: Danke!
      Danke für das Feedback. Ich freu mich wirklich sehr, dass ich eine Vielzahl mit diesem Text wahrlich aus der Seele gesprochen habe. Und ich dachte immer, ich wäre die Einzige, die hier und da diesen fiesen Gedanken hegt.

      Und du hast Recht. Wenn ich tatsächlich die Öffis mal wieder nutze, dann ist der Weg von Bahnhof bis nach Hause 20 Min. lang. Bis dahin kann man definitiv runterkommen. 🙂

      Liebe Grüße und schönes Wochenende ♥
      Rebecca

  3. Ein toller Artikel, liebe Rebecca. Die Stimmung, die du damit transportierst, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Das lässt sich auch auf eine 10min Straßenbahnfahrt von A nach B runterbrechen. Welchen Menschen & Manieren man da stellenweise begegnet. Die Luft ist zum Bersten gesättigt von „Alter“ und „Alder“, Gestank, hohlen Phrasen und starren Blicken.

    Lass dich nicht stressen 🙂

    Liebe Grüße
    Sandra

    1. Hallo Sandra,

      sorry für die späte Rückmeldung. #oops

      Zum Glück gehören die Pendlertage der Vergangenheit an. So weit hab ich es nicht mehr zur Arbeit, dass ich das lange ertragen müsste. Aber früher hab ich locker 2 Stunden am Tag mit diesen Situationen leben müssen. Gibt Schöneres.
      Aber manchmal, wenn ich dann doch noch mal weitere Strecken fahren muss und die Öffis dafür nutze, so wie letztens, kommt so ein Text bei raus. Die Manieren sind’s oft einfach, die mich wirklich immer wieder frustrieren.

      Danke für deine Feedback und deinen Besuch.
      Ich wünsche dir ein großartiges Wochenende.

      Liebe Grüße
      Rebecca

  4. Naben Rebecca,

    was soll ich sagen? Ein wundervoller Text. Du sprichst mir aus der Seele. Mir geht es oft genau so, wenn ich endlich um 20.15 aus dem Laden komme und alle mit ihren Kinder, Kinderwagen und fitten Rentner die Plätze für sich beanspruchen, während wir, die 8 Stunden im Laden gestanden sind, mit schweren Beinen, Rücken- und Fussschmerzen noch mal über ne Halbe Stunde im Bus oder der Bahn stehen können. Da bin ich auch oft genervt, und frage mich, können die denn nicht einen bus früher nach hause, warum müssen die bis zu aller letzten Minuten noch im Zentrum verweilen? Es ist laut, entweder wird laut telefoniert oder Musik gehört. Gegrölt, geweint, getrotzt… Ach wie schön… *örks*

    Du siehst, ich kann dich gut verstehen, und auch ich denke mehr als das ich sage, ausser Entschuldigung, ich muss hier raus.

    Einen wunderschönen und entspannten Abend
    Alexandra

    1. Hallo Alexandra,

      sorry für die späte Antwort. Ich hab so wenig Zeit im Moment, um mich gut um den Blog zu kümmern.

      Und ich freue mich auch so, dass wirklich so viele diesen Text richtig verstehen, nachvollziehen und mögen. Ich hatte da vor der Veröffentlichung ja leichte Sorgen… Dachte ich bin mit meiner Grumpy-Einstellung allein. Aber man den Leuten auch nur vor den Kopp gucken, ne?

      Ich hoffe, du findest trotz dieser Pendlerquälerei kleine Oasen im Alltag, die diese Momente schnell vergessen lassen. 🙂

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende! ♥
      Rebecca

    1. Das war mal ein kreativer Erguss, mitten in der Woche. Bin ich auch nicht gewohnt.
      Danke für das Feedback und deinen Besuch!

      Liebe Grüße nochmal!
      Rebecca

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