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Abwesenheitsnotiz ─ Lisa Owens

Claire Flannery hat ihren Job geschmissen und macht jetzt mal eine Runde Selbstfindung und Neuorientierung. Das könnte alles so schön einfach sein, wenn der Freund nicht erfolgreich Karriere machen, die Mutter nicht unnötig stressen und generell alle anderen sich weniger einmischen würden. Da man auch nicht 24/7 Bewerbungen schreiben kann, sollte man sich ebenso Zeit mit dem Personal Trainer gönnen, auch wenn man kein Geld hat; und lieber Internetvideos bis zum Erbrechen gucken, auch wenn es niemand anderen interessiert. Und dazwischen stellt sie sich die alles entscheidende Frage: Wer will ich sein?

Meinung

Undurchdringlich und doch offen und so klar. Abwesenheitsnotiz von Lisa Owens hat mich nicht in Begeisterungsstürme versetzt, aber mir eine stille Bestätigung geschaffen, was junge Menschen. im Berufsleben oder um ihre Lebensziele herum, denken. Das solch kontroverse Gedanken „salonfähig“ sind und nicht künstlich beschönigt werden müssen. Stattdessen kann man sie mit einem sarkastischen Augenzwinkern Richtung Gesellschaft schieben und sich fragen, ob man nicht auch mal langsam aus dem Hamsterrad aussteigen will.
 
Mit einem trocknen, eher britischen Humor, einer eher nüchternen und doch leichten Schreibweise hat die Debütautorin in Abwesenheitsnotiz eine junge Identifikationsfigur und ein alltagstaugliches und authentisches Umfeld geschaffen. In Kapitel und Unterkapitel schlüpft man in die Rolle von Claire Flannery und erlebt fetzenartige Gedanken, Situationen und Dialoge. Und das könnte in der Umsetzung kaum besser in diesen Roman passen.
 
Alles muss immer sehr interessant sein oder kreativ oder wichtig oder prestigeträchtig oder gut bezahlt und idealerweise alles zusammen. ─ S. 92

 
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So greift die Autorin die Komplexität und auch Sprunghaftigkeit von Claire und ihrer Grundsituation auf und schildert auf glaubwürdige Art, wie schwierig es ist, sich tatsächlich selbst zu finden, wenn man die Zeit dazu hat. Durch eine impulsive Handlung heraus, kündigt Claire ihren Job und ist zu Beginn noch mit Feuereifer dabei sich auf alles Mögliche zu bewerben. Denn der nächste Job könnte ihr den Sinninhalt für ihr Leben liefern, wonach sie sich so vergeblich sehnt. Und sei das als Drehbuchautorin, Bademeisterin oder als schnöde Mitarbeiterin beim Denkmalschutz. Hauptsache nicht das, was sie vorher gemacht hat. Die Welt steht ihr offen!
 
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Doch aus einer anfänglichen Jobkrise, wird eine Sinn- und Lebenskrise. Was sehr gut zur Geltung kommt und den Zeitgeist von Generation Y und einer Quarterlife Crisis einfängt, ist, dass Claire einen Sinn in allem hinterher hechelt. Ihr Job muss geil sein. Ihr Leben muss geil sein. Ihr Fachwissen, ihre Soft Skills, ihre Person muss geil sein. Ein Leben im Superlativ.
 
Die Messlatte liegt ja auch hoch. Ihr Partner ist Assistenzarzt und klettert stetig, während sie arbeitslos zuhause rumdümpelt und sich um Unkraut kümmern soll, die Karriereleiter hinauf. Dann ist da noch ihre Mutter, die was in den falschen Hals bekommt und dramatischerweise monatelang Claire aus dem Weg geht und nur über den Vater kommuniziert. Ihre Freunde loben sie zuerst und hinterfragen ihre Entscheidung, je länger sie sich auf Jobsuche befindet. Und dann ist da die ganze viele freie Zeit, in der man sie sich fragt, ob der Partner noch treu ist, warum man nicht doch heiraten möchte oder dass man ja auch einfach jetzt Kinder bekommen könnte. Auch wenn das nicht der Plan war. Nur ist ja jetzt reichlich Zeit dafür da.
 
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Ich finde das Buch einfach spitze in seiner Realisierung. Die Persönlichkeit von Claire ist etwas rotzig, etwas sehr auf „mir doch egal!“ getrimmt, aber gleichzeitig konnte ich mich super mit ihr identifizieren. Sie hat erstaunlicherweise mit manchen Sätzen wunde Punkte bei mir getroffen, die mich nach dem Lesen noch lange beschäftigt haben. Da sind genauso viele Selbstzweifel und Unsicherheiten zur Person, zum (beruflichen) Werdegang, zum Umfeld. Die Autorin beschreibt unglaublich gut, wie es ist, unter innerem und äußerem Druck, eine Rolle bzw. Funktion in der modernen Gesellschaft einnehmen zu müssen. Auszeiten werden beklatscht und toleriert, aber ab einer gewissen Zeitspanne, sollte man wieder wissen, wo sein Platz im Hamsterrad ist.

Wenn ich etwas kritisieren würde, dann das Ende. Ich fand es etwas schnell auserzählt und hätte mir da mehr Indizien gewünscht, wie Claire zu diesem Punkt gekommen ist. An diesem Punkt habe ich den Bezug zur Geschichte und zu Claire verloren. Sehr schade. Und diese sprunghafte Art in Szenen reinzuspringen und zu wechseln, mag auch nicht jedermanns Sache sein. Allerdings kommt man durch die Unterkapitel gut zurecht, daher revidiert sich das wieder. 

Fazit

Abwesenheitsnotiz ist ein großartiges und markantes Debüt einer jungen britischen Autorin. Die Geschichte und das Gefühl, mit welchem ich hier rausging, haben mich ein wenig an Sarah Kuttner-Bücher erinnert. Die sind auch oftmals rotzig, aber haben immer eine Botschaft, die mich zum Nachdenken anregt und die Gesellschaft kritisch beäugen lässt. Wer sich generell mit dem Thema Generation Y und dergleichen beschäftigen möchte, sollte an Abwesenheitsnotiz nicht vorbei.

Habt ihr schon mal von den Begriffen Generation Y oder Quarterlife Crisis gehört?

 
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