Rezension | Alles, was ich sehe | www.goldblatt-blog.de

Alles, was ich sehe ─ Marci Lyn Curtis

Maggie ist nach einer Hirnhautentzündung erblindet. Sie mag ihr Schicksal nicht so recht annehmen und bleibt in ihrem Leben auf der Stelle stehen. Ihre Eltern sind ihr kaum eine Hilfe, schleichen mit Samtpfoten um sie herum. Als Maggie unerwartet einen Unfall hat, kann sie danach Ben, einen zehnjährigen Jungen, sehen. Ausschließlich ihn. Zwischen Egoismus und Sehnsucht ist Maggie hin und her gerissen, und sucht in der Freundschaft zu Ben eine Nähe zu ihrem alten Leben. Doch warum kann sie nur ihn sehen? Als sie es herausfindet, hat sie schon viel verspielt.

Meinung

Im Vorfeld habe ich bereits einige tolle Meinungen zu Alles, was ich sehe von Marci Lyn Curtis gehört und meine Erwartungen waren dementsprechend nicht so klein. Und nach wie vor bin ich mir komischerweise nicht sicher, ob die Erwartungen getroffen wurden. Denn ich habe gute, wie blöde Momente mit der Geschichte gehabt.
 
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass dieses Buch nicht etwas sehr besonderes an sich hat. Die Atmosphäre selbst hat mir gefallen, auch wenn sie für mich nicht so dicht und spürbar war, wie ich es erhofft habe. Zu Beginn des Buches, wo noch alles offen und das Rätsel um Maggies plötzlich wiederkehrendes Augenlicht so präsent ist, war alles möglich. Da hatte mich der Schreibstil, mit seiner klaren und einfachen Art, gefangen genommen. Ich bin mit Heißhunger auf diese Geschichte gestartet.
 
Denn die Idee dahinter, einer Blinden, die einst mal sehen konnte, das Augenlicht in einem gewissen Radius um eine Person wiederzugeben… Das sprüht nur vor Wunderlichkeit. Wer da nicht neugierig wird, warum das so ist, der hat es wohl einfach nicht so mit solchen „Wunder-Geschichten“. Was schade ist, denn diese hat es irgendwie drauf vor allem mit einem Aspekt zu glänzen. Nämlich mit Herzlichkeit.
 
„Weißt du, manchmal machst du Sachen, die echt scheiße sind. Manchmal sagst du Sachen, die echt scheiße sind. Manchmal bist du echt keine gute Freundin. Das ist so; da kann ich dir auch nicht drüber weghelfen. ─ S. 206
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Zugegebenermaßen ist Maggie zwar im Fokus des Buches, aber sie war für mich als Person nur Mittel zum Zweck. Sie war die Blinde. Hielt die Geschichte, das Mysterium, um diese temporäre Fähigkeit des Sehens, aufrecht. Ich mochte sie. Irgendwie. Und dann wieder nicht. Ganz häufig eigentlich nicht. Denn ihr Charakter ist etwas schwierig. Aber gegenüber so vielen warmen und herzlich gezeichneten Personen im Buch ist sie einfach, um es frei zu sagen, eine Bitch. Das soll nicht heißen, dass sie 24/7 unausstehlich war. Aber für mein Gefühl, hatte sie mehr egoistische Beweggründe, die Freundschaft zu Ben zu suchen, als ehrenwerte. Das hat sie nicht besonders ins gute Licht gerückt. Fürsorgliche und sehr schöne Momente hatte sie dennoch. Vor allem im letzten Drittel des Buches, wo sie auch mit Mason, Bens Bruder, in eine Kommunikation tritt. Nicht nur dieses Angefauche, wie zu Beginn.
 
Man könnte an der Stelle sagen, dass sie mit sich und dem Schicksal hadert. Dass sie ja viel durchgemacht hat und wenn man ehrlich ist, sicher auch hier und da so wie Maggie reagieren würde. Das große Aber kommt dennoch. Denn diese komischen und schwierigen Charaktereigenschaftenhatte sie, wenn man die Geschichte weiter verfolgt, bereits vor ihrer Erblindung. Das sickert bei ihr im Verlauf auch durch den Kopf. Man könnte meinen, ihre Bitchigkeit wurde durch die Erblindung kurz hochgekocht, dann sehr abgeschwächt, trotzdem war bzw. ist das noch immer ein großer Teil von ihr. Vielleicht hat die Autorin oder Lektorin, wer auch immer die Entwicklung von Maggie zu verantworten hat, das irgendwann bemerkt und dachte sich „Hey, jetzt müssen wir mal was für’s Image von Maggie machen!“.
 
Ich will nicht unbedingt sagen, dass das dem Buch den Arsch gerettet hat, aber ganz dumm war dieses „Ruder rumreißen“ seitens und für Maggie nicht.

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Puh. Ehrlich gesagt, will ich nicht so auf dem schwachen Charakter von Maggie rumreiten, denn das Buch hat ganz viele andere Stellen, wo es brilliert. Es hat da zum Beispiel Ben. Der zehnjährige Junge, den Maggie sehen kann. Und sein Wesen ist so wunderbar. So herzlich. So warm. So frisch und auch frech. Und doch hat er so reife Züge an sich, die mich immer wieder erstaunt haben. Ich liebe diesen kleinen Kerl. Meiner Meinung nach hat er am stärksten geglänzt in diesem Buch. Dann gibt es noch den Opa von Maggie, der auch nicht auf den Mund gefallen ist und seine Enkelin durch die Gegend kutschiert. Einfach rührend. Die Vorstellung, dass er präsenter ist als die Eltern. Immer auf Abruf. Oder Clarissa, die von Geburt an blind ist, die Maggie anfangs eher nervig findet, aber sich doch eine wunderbare Freundschaft zu bilden scheint. Und allein das Clarissa so quirlig ist. Das nimmt dem lethargischen Erstgedanken einer Erblindung den Wind aus den Segeln.
 
Und auch wenn die Eltern von Maggie nur hin und wieder Platz in der Geschichte finden, ergänzen sie das Buch auf ruhige Art. Wobei das problematische Verhältnis zwischen Maggie und ihrer Mutter, seit der Erblindung, nicht unerheblich thematisiert wird. Was auch sehr interessant ist, mitzuverfolgen. Irgendwie ist die Beziehung und die Problematik bei mir trotzdem nicht komplett durchgedrungen. Es war eher ein Beobachten, statt mitfühlen. Und so ging es mir in vielerlei Hinsicht bei Maggies Problemen.
 
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Was im Gesamtbild besonders hervorsticht, und mir sehr gut gefällt, ist, dass das Buch so eine große Gewichtung auf Freundschaft und Familie legt. Hier fügt sich alles. Hier greift ein Zahnrad ins nächste. Die Unterstützung und Fürsorge, so unterschiedlich die Familienhintergründe von Maggie, aber auch Clarissa oder Ben sein mögen, gehen ans Herz. Und damit meine ich nichtauf kitschige und rührselige Art. Ich meine eher so ein wohlig-seufzendes „Hach…“. Und diese Botschaft finde ich unglaublich wichtig und steht, meiner Meinung nach, über Maggie und ihrer Darstellung in dieser Geschichte. Auch wenn ich sie an dieser Stelle nur sehr kurz anreiße, möchte ich sie nicht unerwähnt lassen. Genau das macht das Buch nämlich aus. Dieses Buch hat bei mir nicht von seiner Protagonistin gelebt, sondern durch das Zusammenspiel aller und der Botschaft, die es vermittelt.
 
Darüber hinaus sind die Auflösung und das Ende der Geschichte traurig, wie schön zugleich. Diese bittersüße Note gibt dem Buch nochmal einen besonderen Akzent, der mich überrascht, aber auch positiv eingestellt, hinterlassen hat.

Fazit

Alles, was ich sehe ist ein besonderes Buch. Mit einer besonderen Geschichte und ganz vielen tollen Charakteren. Ich kann nicht sagen, dass Maggie außerordentlich gut war. Aber scheiße war sie auch nicht. Sie war mir als Person einfach zu schwammig, etwas zu schwierig und egoistisch. Dennoch hat das Buch schöne und ruhige Töne, die den Leser bezaubern. Die Botschaft ist ganz großund beweist nur, dass man mit Freunden und Familien alles bewältigen kann. Das Buch selbst kann ich, trotz meiner Kritik an Maggie, guten Gewissens empfehlen.

 Habt ihr schon einmal ein Buch gelesen, in welchem der/die Protagonist/in blind war?
 
Weitere Rezensenten:

Lottas Bücher | Miss Foxy Reads | Nana what else

 
 

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4 Gedanken zu “Alles, was ich sehe ─ Marci Lyn Curtis

  1. Huhu ♥

    Ich habe gerade jedes einzelne Wort deiner Rezension inhaliert und muss sagen, dass sie dir ganz wundervoll gelungen ist. ♥ Bezüglich Maggie muss ich dir auf der einen Seite Recht geben. Auf der anderen Seite konnte ich sie auf eine ganz komische Art und Weise aber auch sehr gut verstehen. Irgendwie ist sie so ziemlich wie ich. Auf eine ganz komische Art und Weise. Deshalb habe ich sie trotz ihrer unzähligen Schwächen so fest ins Herz geschlossen.

    Liebst,
    Jule

  2. Hui, liebe Julia! ♥

    Jetzt fühle ich mich aber geschmeichelt! 😀 Danke danke danke!
    Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Rezension irgendwann einen Cut unter Maggie setzen musste. Denn sie hat ja auch sehr weiche und schöne Züge. Leider sind mir diese Züge nicht so vordergründig in Erinnerung geblieben. Und eigentlich hatte ich auch enorme Probleme mein Verständnis & Verhältnis zu Maggie in Worte zu packen. Aber ich denke, mit der Formulierung, so wie ich sie verwendet habe, kann ich leben. 😀

    Allerliebste Grüße und schönen Abend noch! ♥
    Rebecca

  3. WOW! Was eine schöne Besprechung! Ich wirklich beeindruckt.
    Liebe Julia, ich werde deinen Blog umgehend bei mir verlinken. Ein Besuch auf deiner Seite mutet wie Literatururlaub an.

    Ganz liebe Grüße,
    Gisela

    1. Hallo Gisela,

      lieben Dank. Was für ein Lob! 🙂 Ich freu mich sehr, dass dir die Rezension und der Blog so gut gefallen. So ein Feedback geht runter wie Öl!

      Liebe Grüße und schönes Wochenende! ♥
      Rebecca

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