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London N W ─ Zadie Smith

Vier Menschen. Vier Geschichten. Alle wuchsen sie in Caldwell, London auf und gingen nach und nach ihrer Wege. Alle hofften sie auf eine strahlend-schillernde Zukunft. Doch nur eine, Natalie, scheint den Absprung aus der Gosse geschafft zu haben. Die anderen haben sich dem Schicksal ergeben und kämpfen ums nackte Überleben. Mit einer Portion Dope, einem Schlückchen Wein zuviel oder sexuellen Abenteuern, welche das Chaos in ihren Leben erträglicher machen sollen. Aber auch die erfolgreiche Natalie hat so ihr Päckchen zu tragen, von dem ihre beste Freundin Leah allem Anschein nichts mitbekommt. Die ist nämlich mit ihren eigenen Problemen schon genug beschäftigt.

Meinung

Zadie Smith haut mit London N W ein Buch heraus, was einen umhauen, wie stark verwirren kann. Von den ersten Seiten hinweg war ich überwältigt von der Art, wie die Autorin die Worte einsetzt. Das ist, meiner Meinung nach, abstrakte Poesie. Nicht einfach zu lesen, aber auf jeden Fall besonders. Die Wortwahl ist oftmals so eindringlich, das ging mir durch Mark und Bein. Auch die auffällige Art, die Dialoge auf unkonventionelle Art in Szene zu setzen. Obwohl das schon fast übertrieben beschrieben ist. Denn die Dialoge werden nicht wie sonst üblich in Anführungsstrichen eingebettet. Hier wird mit Glück (!) auch mal der Mittelstrich verwendet. Doch genau diese Stilelemente heben dieses Buch und seine Eindringlichkeit, zwischen all der anderen Literatur hervor.
 
Es besteht ein Zusammenhand zwischen Langeweile und Chaos. Vielleicht hatte sie ja nie aufgehört, sich nach Chaos zu sehnen, trotz der vielen Masken und Verschleierungen. ─ S. 391
 
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Doch was ist mit den Charakteren in London N W? Das Buch selbst hat nämlich nicht einfach nur eine Person als Hauptcharaktere. Vielmehr ist es eine Geschichte mit vier Akteuren, die ihren Ursprung in demselben Sumpf der Gesellschaft haben. Vier Personen, die eine Vergangenheit eint, die den Kampf gegen den Treibsand, der einen in die gesellschaftlichen Abgründe hinabreißen mag, mal mehr oder weniger gut bestreiten.
 
Die Geschichte beginnt mit Leah Hanwell, die zwar verheiratet ist, aber im Geheimen gegen den Kinderwunsch ihres Ehemanns arbeitet, indem sie immer wieder abtreibt oder die Anti-Baby-Pille ihrer Freundin Natalie mitgehen lässt. Natalie Blake hingegen scheint alles zu besitzen. Als einzige der vier Personen hat sie sich aus dem Sumpf von London North West herausgearbeitet. Sie lebt mit ihrem ebenso beruflich erfolgreichen Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus. Ein goldener Käfig.
 
Sie umgibt nämlich eine Kühle und Gleichgültigkeit, die selbst ihre Freundin Leah als anstrengend empfindet. Felix und Nathan hingegen werden nur sehr kurz behandelt. Doch beide kennen sich gut mit Drogen aus. Der eine kämpft um ein besseres Leben. Um zumindest clean zu sein und die Frau, die er liebt nicht mehr mit einer alten Drogenfreundin zu betrügen. Und Nathan scheint mehr als tief in kriminelle Machenschaften verstrickt und kaum auf einen grünen Zweig zu kommen. Dabei war er mal Mädchenschwarm und so beliebt, wie es sich jeder wünscht.

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Man kann kaum behaupten, dass all diese Handlungsstränge und Erzählungen wirklich miteinander verknüpft sind. Eher sind die jeweiligen Erzählungen der Personen Episoden, die hier und da an kleine Punkte und Gemeinsamkeiten anknüpfen. Aber auch die werden nicht wirklich weiter ausgeführt. Auch die Ausdrucksart der Autorin variiert mit jedem Perspektivwechsel.
 
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An sich finde ich London N W wirklich nicht schlecht. Dieser Unterton, welcher der Gesellschaft schon den Mittelfinger zeigt, die Charakteristik einem Unterschichtsgebiet in England ein Gesicht bzw. vier Gesichter zu geben und die einzelnen Schicksale sind anregend und machen nachdenklich. Dennoch hatte ich immer wieder Schwierigkeiten in dem Buch voran zu kommen.
 
Mal gab es Stellen, wo ich schlicht verblüfft und begeistert Seite um Seite weglesen wollte und in der Geschichte drin war. Dann wurde das beim nächsten Perspektivwechsel oder dem nächsten Kapitel wieder abgelöst, von einer merkwürdigen Unnahbarkeit der jeweiligen Figur, einem Moment der Verwirrung… Das ist schon mit der Zeit etwas anstrengend. Da kommt einem der Schreibstil von Zadie Smith nicht entgegen. Umso schwieriger finde ich es auch, das Buch in irgendeiner Weise zu bewerten.

Fazit

London N W ist ein Gesamtkunstwerk! Und zwar auf merkwürdige, sehr eigenwillige und abstrakte Weise. Selten habe ich so eine tiefgehende und auch erschütternde Charakterausarbeitung gesehen, noch so eine nahe und doch wieder kaum greifbare Stimmung erlebt und die Art und der Stil wie die Autorin schreibt, hab ich so noch nicht gesehen bzw. gelesen. Klar ist aber auch, dass dieses Buch nicht einfach mal so für Zwischendurch ist. Hier muss man am Ball bleiben und konzentriert lesen.
 
Langatmige Passagen kann man überstehen. Denn diese Ausdauer wird belohnt mit interessanten, soziologischen Einblicken in die multikulturelle Unterschicht von London. Und wer auf Brennpunkt-Erlebnisse steht oder auch mal anspruchsvoll lesen möchte, der ist hier gut beraten.

Schonmal ein Zadie Smith-Buch gelesen?
Welches denn und wie fandet ihr’s?

 
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