Rezension | The Girls | www.goldblatt-blog.de

The Girls ─ Emma Cline

Junge Vierzehn ist Evie Boyd. Im Sommer 1969. Ziellos und ohne Halt treibt sie auf der Suche nach sich selbst umher. Weder ihre beste Freundin, noch ihre Eltern geben ihr die Aufmerksamkeit, die sie sucht. Als sie dann Suzanne begegnet, ermöglicht sich ihr eine vollkommen andere Welt. Mit der Sehnsucht nach wilder, freier Liebe, Sex, und dem Touch von Rebellion entflieht Evie dem Leben des Normalen. Sie folgt Suzanne und ihren Girls auf die Ranch von Russell. Ein Typ mit einer besonderen Vision und Einstellung. Doch wie liebevoll ist diese grenzenlose Liebe, die hier vergeben wird?

Meinung

Was ein Hype! In diesem Sommer kommt man als Literaturfan nicht an The Girls von Emma Cline vorbei. Das Cover ein Traum, der Klappentext so verführerisch. Und man spürt bei der ersten Berührung und beim ersten Wort eine beklemmende und düstere Aura.
 
Wer die allgemeine Berichterstattung zu dem Buch oder zu der Autorin verfolgt, weiß sicher, dass das Buch eine unübersehbare Anlehnung, zu der Manson-Family und dessen Morde im Jahre 1969 in Amerika, vorweist. Ehrlich gesagt, hab ich mich erst nach dem Lesen des Buches damit kurzzeitig beschäftigt. Das liegt aber auch daran, dass ich zugegebenermaßen noch nie von diesen Morden, dieser Hippie-Sekte oder der „Familie“ selbst gehört habe. Was vielleicht auch nicht so verkehrt ist.

So blieb es für mich nämlich beim Lesen eine fiktive Geschichte. Die unglaublich atmosphärisch wirkt und dadurch so authentisch. Im Nachhinein kann ich nur erstaunt wiedergeben, wie sehr mich diese Beklemmung, diese sehr merkwürdige Art von Evie Boyd, der Protagonistin, aus deren Sicht wir die Geschichte erleben, gefangen genommen hat. Dafür, dass Emma Cline hier ihren Debütroman auf den Markt geschmissen hat, ist es bemerkenswert, wie besonders die Stimmung durchgehend beim Lesen ist. Ich hab mich zwischen jugendlichem Leichtsinn, einer großen Naivität und Orientierungslosigkeit und später bei einer sehnsuchtsvollen, lethargischen und erwachsenen Frau wiedergefunden. Emma Cline verwendet den Ebenenwechsel, durch Rückblenden, so selbstverständlich und einfach und schlägt zwischen der jungen und erwachsenen Evie Boyd eine Brücke, die leicht verstörend ist, einen nachdenklich stimmt, aber auch über alle Maßen fasziniert.
 
Nicht, dass ich mich nicht an mein Leben vor Suzanne und den anderen erinnern konnte, aber es war begrenzt und vorhersehbar gewesen, Menschen und Gegenstände kreisten auf ihren gemäßigten Umlaufbahnen. ─ S. 176
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Ich müsste lügen, wenn ich nicht sage, dass es Szenen und Situationen im Buch gab, die etwas gewöhnungsbedürftig waren. Das lag aber weniger am Inhalt, sondern an der Struktur. Das ist eher pingelig, aber mir waren die Szenen manchmal etwas zu sprunghaft, etwas zu stark aus den vorherigen Szenen gerissen. Das lässt sich aber wieder super damit erklären, dass das Buch zu 75 Prozent aus der Sicht der jungen Evie erzählt wird. Und die ist, um es nicht minder auszudrücken als es tatsächlich ist, einfach so desorientiert in ihrer Identität.
 
Aber ehrlich? Wer von uns erzählt seine Geschichten aus der Vergangenheit nicht mit sprunghaften Anekdoten, mit kleinen Exkursen zu jener oder dieser Zeit? Selbst wenn man hier und da nur drüber nachdenkt. Ja, es wirkt manchmal wie ein Gedankenbrei. Wirr, schwerfällig und bedrückend. Damit musste ich lernen klarzukommen. Es sei aber gesagt: Unmöglich ist das nicht! Und sobald man sich drauf eingelassen hat, geht es sogar. Für mich schließt sich hier der Kreis zur Authentizität. Denn die Gedanken einer Person, wie Evie in jungen, wie späteren Jahren, einzufangen, so auszudrücken und mit einer Stimmung zu versehen, dass es nur von so einer Person, die solches erlebt hat, kommen kann… Ich finde das schriftstellerisch sehr stark.
 
Evie Boyd, die Protagonistin, ist eh eine Klasse für sich. Beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, dass mir der Charakter von ihr etwas entgleitet. Dass ihr Wesen für den Leser nur an der Oberfläche schwimmt. Manchmal sogar irgendwie pseudomäßig in die Tiefe ging, aber letztendlich nur Quark bei rum kam. Unabhängig von Evie, ging mir das auch mit vielen anderen Figuren im Buch so. Aber kaum hat man das Buch ausgelesen und lässt diesen Quark im Kopf gären, erschließen sich einem die Zusammenhänge. Man bekommt, so schräg ich das unter anderem fand, ein Verständnis für die Verhaltensmuster. Für diese Personen. Für diese gesamte Geschichte selbst. Als hätte die Autorin es drauf angelegt, dir ein Puzzle darzulegen, dass sich erst aus entfernter Betrachtung lösen lässt.
 
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Denn ich muss gestehen, ich hatte etwas total anderes von der Geschichte erwartet. Ja, vielleicht hätte ich mir etwas mehr dunkle Action gewünscht? Ein bisschen mehr okkultes Drama? Ein bisschen mehr von diesem kranken verruchten Etwas einer Hippie-Sekte, was dieses Cover schon irgendwie verspricht? Ein bisschen mehr Details um diese Sekte herum? Denn ich hatte ganz oft das Gefühl, dass man in dieser Sekte ist, aber irgendwie auch nicht.
 
Und jetzt kommt der springende Punkt. Dieses Buch hat nicht diese Sekte im Fokus. Das glaubt und erwartet man. Hab ich auch anfangs. Wenn man mit den Scheuklappen rumläuft, stimmt das sogar. Gibt man diesem Buch aber Zeit und Raum im Hirn durchzusickern, kommt es langsam. Dieser Oha!-Moment. Diese Sekte/Hippiekommune ist nur Mittel zum Zweck. Sie ist hübsches Beiwerk, um dem Buch etwas Extraordinäreszu geben. Den Leser lockt. Am Ende bleibt sie aber eine Randgeschichte, über die sich Evie noch Jahre, den Kopf zermartert. Über das „Was wäre wenn“. Aber das liegt weniger an diesen bewusstseinserweiternden Lebenseinstellungen und dem Konsum von anderen Halluzinogenen. Sondern mehr daran, dass sie sich in ihrem „normalen“ Leben als Heranwachsende so fucking verloren fühlt. So wenig Halt hat wie Pudding.
 
Ihr Vater ist ein Loser mit der Hoffnung für immer jung bleiben zu können, solange er eine junge Freundin hat. Ihre Mutter ist eine verzweifelte Frau, welche sich über ihre Männer definiert und selbst kaum einen Ankerpunkt im Leben besitzt. Evie hat als Person kein Vorbild, keinen Rahmen, um sich in ihrer Persönlichkeit fördern zu lassen. Stattdessen sind da nur Erwartungen, Enttäuschungen und Häme.
 
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Und dann kommt Suzanne ins Spiel. Um es kurz zu machen: Suzanne ist die Sonne. Das Universum. Das Nonplusultra. Evie bewegt sich bei Suzanne zwischen Freundschaft, schwesterlicher Zuneigung, Sehnsucht, Bewunderung und auch homoerotischen Fantasien und Neigungen. In Suzanne findet Evie eine Leitfigur, die ihr einen Rahmen gibt. Die ihr sagt, was gut und schlecht, welches Verhalten angemessen ist. Dem folgt Evie zu gerne. Suzanne zuliebe. Einen wirklichen Zusammenhang zur Hippie-Sekte gibt es insofern, dass Suzannes Ideologie Russells entspringt. Dem Hippie-Guru. Dem Hirten der Schafsherde. Suzanne, und generell eigentlich alle anderen weiblichen Personen auf dieser Hippiefarm, sind Russell hörig.
 
Zwischen Evie und Russell selbst gibt es kaum Interaktion. Die Figur von Russell, die Charles Manson widerspiegeln soll, ist so utopisch und schwammig zugleich. Eigentlich wächst der ganze Mist auf seinem Haufen, aber er verkauft sich gut. Er versteht es Gedanken und Meinungen in den Köpfen seiner Jüngerinnen zu säen und die Früchte dafür einzufordern.

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An der Stelle fällt mir gerade auf, wie schade ich es eigentlich finde, wie wenig präsent er für mich in dieser Geschichte war. Da hätte man sicher so viel mehr herausschlachten können. So greift diese abnorme Anziehungskraft nicht auf den Leser über und deswegen war ich nach dem direkten Schluss der Geschichte, etwas enttäuscht. Weil man sich so viel mehr Sekte und Untiefen einer verstörenden Ansammlung von Menschen gewünscht hat, als man eigentlich bekommen hat.
 
The Girls ist eigentlich ein typisches Buch, wo man Rezensionen von abnormer Länge schreiben oder sich ewig drüber unterhalten kann. Es gibt so viele kleine Feinheiten. Die kann und mag ich auch nicht alle erwähnen. Die sind abgefuckt, wie schön. Deswegen bleibt an dieser Stelle auch so viel ungesagt. Und ich kann nur hoffen, dass der eine oder andere dem Buch eine Chance gibt.
 

Fazit

Ist der Hype berechtigt? Schon. Ja. Und auch Nein. Ich finde, dass The Girls ungewöhnlich, aber auch gut geschrieben ist. Die Stimmung ist permanent so bedrückend und beklemmend, diese tiefe Lethargie von Evie ist so greifbar. Auch verstörend. Letztendlich finde ich das Buch aber „nur“ richtig gut. Und vor allem ist es sehr interessant. Und neben einem richtigen Spannungsbogen habe ich noch ein paar andere Sachen vermisst. Abgesehen davon, dass ich mich schon ein klitzekleinwenig in die Irre geführt fühle durch den Klappentext.

Schon das Buch gelesen oder von dem Hype was mitgekriegt?
Was haltet ihr generell von Buch-Hypes?

 

Weitere Rezensenten:

Herzpotenzial | Buchstapelweise | Leseschatz

 

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6 Gedanken zu “The Girls ─ Emma Cline

  1. Hi Rebecca
    Zwar lesen ein paar Goodreads Freunde das Buch, aber der grosse Hype ging an mir vorbei. Sonst bin ich immer neugierig auf gehypte Bücher, sei es auch nur um festzustellen, ob es dem Hype gerecht wird oder nicht.
    "The Girls" werd ich mir mal genauer anschauen, vielleicht ist es etwas für mich 🙂
    Viele Grüsse
    Julia

  2. Hi Rebecca
    Zwar lesen ein paar Goodreads Freunde das Buch, aber der grosse Hype ging an mir vorbei. Sonst bin ich immer neugierig auf gehypte Bücher, sei es auch nur um festzustellen, ob es dem Hype gerecht wird oder nicht.
    "The Girls" werd ich mir mal genauer anschauen, vielleicht ist es etwas für mich 🙂
    Viele Grüsse
    Julia

  3. Das Buch begegnet mir auch immer wieder – bin aber immer noch nicht ganz überzeugt davon, ob ich dem Hype nachgebe und es lesen soll. Du hast auf jeden Fall eine richtig tolle Rezension geschrieben!

  4. Huhu Julia!

    Vielleicht schaust du einfach mal in eine Leseprobe rein? Manchmal hilft das ja schon 😉
    Falls du dich zum Lesen entscheidest, lass es mich irgendwie wissen. Damit ich dann deine Rezension dazu lesen kann^^

    Liebe Grüße
    Rebecca

  5. Hallo Elizzy,

    danke für's Lob! ♥
    Kannst dir ja noch etwas Zeit lassen und den Hype abklingen lassen.^^ Hab ich auch schon oft gemacht. So kannst du es mit ein bisschen mehr Abstand zu den Lobeshymnen lesen und verkehrt ist das sicher nicht. 😉

    Liebste Grüße
    Rebecca

  6. Ich lese das Buch gerade und weiß noch nicht so genau, was ich davon halten soll… Kommt bei mir eigentlich selten vor, dass ich so gar keine Meinung habe. Aber mal sehen, vielleicht kommt das ja noch.
    Sehr schöne Rezension auf jeden Fall. Konnte das Buch darin sehr gut wieder finden, und auch meine Gedanken und Eindrücke.
    Liebe Grüße

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