Zorn und Morgenroete | Renee Ahdieh | www.goldblatt.blog.de

Zorn und Morgenröte ─ Renée Ahdieh

Jeden Morgen bei Sonnenaufgang muss seine Frau sterben. Jeden Tag erwählt Chalid eine neue Braut, welche dieses Schicksal tragen muss. Bis Shahrzad auftaucht. Als Erste in Chorasan schafft sie es, den Kalifen zu überzeugen, ihr einen weiteren Tag zu schenken. Mit einem Ziel, welches unmöglich zu schaffen scheint, will sie Rache nehmen. Für den Tod ihrer besten Freundin. Doch mit jedem weiteren Tag kann Shahrzad einen weiteren Blick hinter die Fassade des großen Herrschers von Chorasan, Kalif Chalid, erhaschen. Eine Liebe, die kaum unmöglicher scheint und dabei eine zarte Brücke der Vergebung schlägt.

Meinung

Optisch gesehen bin ich jetzt nicht der Typ „dunkle, exotische Schönheit“. Aber mit Zorn und Morgenröte von Renée Ahdieh habe ich das Bedürfnis und sogar die Möglichkeit bekommen, eine zu sein.
 
Das Buch ist bereits im Februar dieses Jahres erschienen. Warum also ist man selbst nach Monaten noch so gehypt von diesem Buch? Wieso reißen die Empfehlungen nicht ab?
 
Zorn und Morgenroete | Renee Ahdieh | www.goldblatt.blog.de
 
Für mich ist das einfach zu klären. Der Schreibstil von der Autorin hat etwas ganz besonderes. Er ist nicht besonders anspruchsvoll, aber sehr angenehm in der Sprache und oftmals sehr bildreich und detailverliebt. Das merkt man besonders in den Beschreibungen, wenn es um die momentane Kleidung der Protagonisten geht oder die der Örtlichkeiten. Trotzdem gab es Anlaufschwierigkeiten. Zu Beginn trifft man auf einige Fremdbegriffe wie „Qamis“, „Joonam“ oder „Shamshir“.
 
Sobald man mit den Begriffen aber etwas vertrauter geworden ist und sich das Glossar im hinteren Teil des Buches bedient, und die Geschichte langsam an Fahrt aufnimmt, rückt das in den Hintergrund. Zumal schon der Prolog eine gewisse Spannung, gepaart mit einem ordentlichen Schuss Mysterium, aufbaut. Die Geschichte selbst wird hauptsächlich aus der Sicht von Shahrzad erzählt. Dennoch darf sich der Leser auch über Perspektivwechsel zu Chalid, Tarik oder anderen Nebenfiguren freuen. Und ja, freuen. Denn das gibt der Geschichte, wie so oft bei Perspektivwechseln, eine Tiefe. Eine Vielseitigkeit und, was mir auch gut tat, eine Pause von Shahrzad.

Manche Dinge gibt es nur einen kurzen Augenblick lang in unserem Leben. Dann müssen wir sie loslassen, damit sie fortgehen und einen anderen Himmel erleuchten können. ─ S. 299
 
Die Gute fand ich nämlich nicht immer einfach. Anfangs hat man diesen starken Eindruck von ihr. Sie ist taff und nicht auf den Mund gefallen. Das ist erfrischend und markant. Und dann passieren ihr Sachen, die einfach so unüberlegt sind. So absolut nicht in diese Situation gehören! Das fand ich unglaublich schade. Auch wenn ich Shahrzad als Protagonistin sehr ins Herz geschlossen habe und sie mag, hatte sie manchmal so Seiten an den Tag gelegt, wo ich mir irgendwie auch an den Kopp greifen musste. Weil man unter dem Aspekt, dass sie einem von Willkür geleiteten Massenmörder erlegen ist, so unberechenbar und auch impulsiv handelt. Vereinzelt wirkte sie auf mich wie ein überhebliches und trotziges Kind. Es macht ihren Wesenszug aus, dass sie sich vieles nicht gefallen lässt, doch da war es unangebracht und wirkte alles andere als berechnend. So wie ich es in der Situation erwarten würde.
 
Deswegen wird dem Leser an den Stellen auch schnell klar, dass ihr ursprünglicher Plan nicht so bald und einfach umgesetzt werden wird. Die Ausarbeitung des inneren Konflikts, der sich mit der Zeit in ihr stärker auftut, finde ich hingegen sehr gut dargestellt. Dieses stetige Wackeln hat mich zwar anfangs etwas gestört, aber unter dem Aspekt, dass sie sich mit einer  Entscheidung gegen ihre Überzeugung und ihre Vergangenheit auflehnt, finde ich das herausragend ausführlich beschrieben und in die Geschichte eingeflochten. Aber vielleicht braucht man da ein bisschen Abstand und Zeit nach dem Beenden des Buches, damit man diesen Schluss, wie ich, ziehen kann.
 
Die Geschichte selbst bietet aber wesentlich mehr, als eine etwas unstete Protagonistin. Die Bandbreite geht von Erzählungen, die von Tausendundeiner Nacht geprägt sind und damit eine einzigartige, sowie exotische Note bekommen, hinüber bis hin zu unglaublicher Spannung, finsteren Intrigen, gefährlichen Machtkämpfen und magischen Elementen. Auch wenn letzteres etwas zu kurz kommt. Schon nach den ersten hundert Seiten des Buches sind die ersten Brotkrumen gesät, damit der Leser unbedingt weiterlesen will. Es folgen Szenen und Dialoge, welche die Spannung, um das blutige Geheimnis von Chalid, dem Kalifen, weiter aufbauen. Und die anderen Geschehnisse und die Atmosphäre darum haben mich so gefesselt, dass ich kaum aufhören wollte zu lesen. Das Erzähltempo fand ich in diesem Fall sehr gut eingesetzt und ich hatte keine Situation, in der ich mich groß gelangweilt oder das Gefühl bekommen habe, dass die Story nur schleppend läuft.
 
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Aber kaum ein Buch ist perfekt. Sowie auch Zorn und Morgenröte. Das Buch hat auch seine Schwächen. Allen voran die Charaktere und das Handeln derer. Bestes Beispiel war, wie bereits erwähnt, Shahrzad. Chalid habe ich zwar trotz dieser anfänglichen Kühle unglaublich ins Herz geschlossen, doch wenn man sich die Entwicklung zwischen Shahrzad und Chalid genauer ansieht, kommt diese Sympathie zwischen den beiden und die daraus resultierende Inkonsequenz in ihrem Handeln so plötzlich. Nahezu aus dem Nichts. Unter dem Gesichtspunkt, dass da ein enormer Spagat ausgeführt wird, finde ich das schon etwas grenzwertig in der Authentizität.
 
Shahrzad, die einfache Tochter, die sich aus Rache freiwillig zur Braut für Chalid stellt, sich aber nicht zur Aktion durchringt und der reiche, wahnsinnige und junge Kalif, der so nachsichtig mit Shahrzad ist; davor aber jeden Morgen töten ließ. Dass da wahre, echte Gefühle aufkeimen sollen, wenn man sich einem Mörder hingibt… Berechtigterweise kommen da Stimmen auf, inwieweit das glaubwürdig ist. Inwieweit gewisse Szenen verherrlichend sind.
 
Ein wenig wirkt die Liebe, differenziert betrachtet, enorm künstlich konstruiert. Wenn man sich aber von diesen Gedanken lösen kann, erfüllt die Geschichte für den romantischen Aderlass auf jeden Fall ihren Zweck und die eine oder andere schöne, prickelnde und erstaunliche Szene ist mit dabei. Ich habe diese Geschichte sehr genossen und bin schon sehr auf den Nachfolgeband gespannt.

Fazit

Mich hat Zorn und Morgenröte einfach mit dem besonderen Flair, seiner Spannung und diesem Hauch von Tausendundeiner Nacht angesprochen. Ich steh da irgendwie drauf. Und dennoch hat das Buch an gewissen Stellen seine kleinen Makel. Vor allem Shahrzad als Charakter, hat hier noch Potential, sich schlüssiger und geradliniger in die Geschichte einzufügen. Dann war es mitunter sehr vorhersehbar. Aber für einen Ausflug in die persische Traumwelt, mit einem kleinen geheimnisvollen und magischen Kitzel, ist es allemal zu empfehlen. Und das Rundumpaket stimmt für mich. 



Das Buch ist etwas umstritten – beliebt und verachtet zugleich. Wie findet ihr das Buch?

 
 
Weitere Rezensenten:

Bücher verschlingen | Wortmalerei | Walking about rainbows

 
 

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5 Gedanken zu “Zorn und Morgenröte ─ Renée Ahdieh

  1. Hallo liebste Rebecca,

    ich habe das Buch noch nicht gelesen und bin mir auch, ehrlich gesagt, nach wie vor nicht sicher, ob es überhaupt etwas für mich wäre, aber deine Rezension macht schon neugierig. Vielleicht, wenn etwas Gras drüber gewachsen ist und nicht mehr an jeder Ecke darüber geredet wird, sodass ich ganz in Ruhe fernab jeder Kritik mein Urteil fällen kann. 😀

    Liebe Grüße und einen wunderschönen Restsonntag :-*
    Maike

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