Rezension | Über mir der Himmel | www.goldblatt-blog.de

Über mir der Himmel ─ Jandy Nelson

Nach dem Tod ihrer Schwester ist Lennie paralysiert. Nichts und niemand ragt an dieses schwarze Loch in ihrer Brust heran und kann die Trauer tilgen. Nur Toby, der Freund ihrer verstorbenen Schwester, kann die Gefühle von Lennie verstehen. In dieser Trauerblase gefangen, finden beide zueinander. Doch dann trifft Lennie Joe. Und er ist die lebendige Sonne. Fernab jeder Trauer und wie eine Motte zieht es Lennie zu ihm hin. Doch welchen von beiden Jungen will sie wirklich?

Jandy Nelson hat nach mir bereits mit Ich gebe dir die Sonne ein paar ganz besondere Lesestunden beschert, die ich nicht mehr missen mag. Zugegeben, ich habe nach dem Lesen relativ zeitnah mit Über mir der Himmel angefangen und hatte kurz danach leichte Bedenken, ob das nicht ein Fehler war. Denn auf den ersten Blick war ich noch so sehr von Ich gebe dir die Sonne gefangen, dass ich sehr viele Parallelen zu Über mir der Himmel gezogen habe. Warum das aber am Ende keine Bedeutung mehr hatte und warum das Buch selbst sehr schön, aber eben auch wieder nicht perfekt war – darauf gehe ich hier ein.

Will ich das eher negative direkt hinter mich bringen? Ja, will ich. 

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Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich dieses Buch sehr zeitnah zu Ich gebe dir die Sonne gelesen und hatte leichte Schwierigkeiten für die Protagonistin Lennie, in diesem Buch, eine eigene Stimme, ein eigenes Wesen zu finden. Sie hat mich, bis auf diesen großen Kreativitätspart bei Jude aus Ich gebe dir die Sonne, kaum mit einer eigenen markanten Persönlichkeit überzeugen können. Jude und Lennie wirken so ähnlich vom Typ her, dass sich das erst später im Buch verflüchtigt hat. 

Denn Lennie hat mit Jude so einiges gemein. Beide im ähnlichen Alter. Und da ist zum Beispiel der Verlust der Mutter. Das Verarbeiten von Tod. Das Auftauchen eines Jungen, der einen die Probleme vergessen lässt. Der Zwist, der eigentlich keiner ist, zwischen Geschwistern. Und all das passiert wieder in der gleichen Örtlichkeit, die ich auch schon in Ich gebe dir die Sonne kennenlernen durfte. Da keine Parallelen zu ziehen ist mir einfach schwer gefallen.

Wenn man die genauen Umstände der Geschichten nicht kennt, bedient sich Jandy Nelson einem einfachen Prinzip, welches auch zu funktionieren scheint. Denn Jandy Nelson hat da einen dicken Glücksgriff gehabt, was ihre schriftstellerischen Skills angeht. Ich liebe ihren Schreibstil. Auch hier war ich so schnell im Geschehen, in der Emotion drin, weil es die Autorin schafft mit einfachen, aber doch sehr wirkungsvollen Szenen und vor allem Sätzen den Leser zu faszinieren. Da sind wahre Perlen bei. Und auch hier liest sich das alles in einer so kurzen Zeit, die Seiten fliegen dahin.

Ich brauche ein neues Alphabet, eins, das aus fallender Bewegung besteht, aus Kontinentalverschiebungen, aus tiefer, alles verschlingender Dunkelheit. ─ S.22

 

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Doch ich hatte angekündigt, dass das Buch nicht perfekt ist. Und das fängt mit dem Plot an, der sich im Verlauf auf gewisse Weise hin zuspitzt, dass ich nicht gerade selten mit den Augen gerollt habe. Oft war ich wirklich sauer auf Lennie. Sie macht es einem wirklich nicht leicht. 

Ein grober Umriss: Nach dem Tod von Lennies großer Schwester befindet sich Lennie in einer Lethargie und einem Trauerzustand, zu dem wohl nur der feste Freund, Toby, von ihrer verstorbenen Schwester Zugang findet. Und in dieser Trauer stürzen sich die beiden aufeinander. Wortwörtlich. Dieser Gewissenskonflikt allein mag manchen vielleicht blöd aufstoßen, aber das war gar nicht das Ding, was mich am meisten gestört hat. Im Klappentext heißt es, dass Lennie irgendwann zwischen zwei Typen steht. Das tut sie tatsächlich. Irgendwie. Aber vor allem gibt es einen Moment, wo ihre Naivität und Kopflosigkeit solche Wellen schlägt, dass sie tatsächlich zweigleisig fährt. Mit vollen Bewusstsein. Mit dem Vorhaben, es nicht zu tun. Und sie macht es. 

Und wenn man das ganze Drumrum vorher mit dem anderen Typen, Joe, verfolgt hat und sich denkt „Ja, das ist besonders, das kann funktionieren!“ ist das alles einfach nur Bullshit. Bullshit um Drama zu erzeugen. Keine wirklich kluge Protagonistin. Reines Impulsivverhalten. Und es war ätzend mitanzusehen.

Ich bin wirklich ein total offener Typ was solche Geschichten angeht. Ein wirklicher Fan bin ich nicht, aber ich kann das rational sehen. Wenn es denn rational ist. Aber das war … wirklich, es hat einfach nicht zu dieser angeblichen großen Liebe, dieser Situation und selbst zu Lennie in dem Moment, nicht gepasst. 

Der Typ ist besoffen vom Leben, denke ich, gegen ihn ist Candide ein Sauertopf. Weiß er überhaupt, dass so was wie der Tod existiert? ─ S.94

Jetzt will ich aber auch was Nettes sagen. Denn das Buch hat ja trotzdem Spaß gemacht und es war ein wirklich gut zu lesendes Jugendbuch. Denn so absurd ich manches dazwischen fand, war die Geschichte doch sehr mitreißend. Vielleicht oder vor allem wegen des Dramas. Aber auch die Zerrissenheit von Lennie ist sehr oft großartig und authentisch geschildert, weswegen ich es hier und da halt schwer hatte, nicht ins Buch zu greifen und Lennie bis zur Besinnungslosigkeit zu schütteln. 

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Abgesehen davon, schafft es die Autorin mit schon erwähnten Skills eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Und wieder schafft es die Autorin, in ganz besonderer Art, Nebencharaktere in ein selbstständiges Licht zu rücken. Wieder tauchen Figuren auf, die die Geschichte wirklich ergänzen. Sie sind nicht nur blasses Beiwerk, um den Kontrast der eigentlichen Protagonisten hervorzuheben. Sie sind genauso farbig, vielseitig und präsent. Und das liebe ich an der Art wie Jandy Nelson Geschichten schreibt. Jede Figur steht für sich, hat einen authentischen Background und du bemerkst sie. Die Nebenfiguren wachsen einem ebenso ans Herz, wie die eigentlichen Hauptfiguren. Das ist eine großartige Fähigkeit, die ich wirklich sehr an der Autorin schätze. Denn oft genug habe ich bei Büchern das Gefühl, dass Nebencharaktere wirklich nur Beiwerk sind, damit die Protagonisten nicht nur Monologe halten und ansatzweise ein Sozialleben antäuschen.

Es ist so eine kolossale Anstrengung, nicht von dem verfolgt zu werden, was verloren ist, sondern verzaubert zu werden von dem, was war. ─ S. 344

Und letztendlich ist es ein leichtes und schweres Buch zugleich. Trotz und wegen der Tragik, dem ganzen Trara darin. Die Passagen in denen man leicht und strahlend lebt, die Passagen, in denen man weint und still ist. Es hat mich nicht tief bewegt, es ragt nicht an diesen monstermäßigen „Flash“ von Ich gebe dir die Sonne heran, aber es ist definitiv ein paar Lesestunden wert, wenn man eben erwähntes Buch schon sehr mochte. Denn es gibt so viele Sätze in diesem Buch, die man einfach instant anstreichen mag, weil sie YES! IT’S TRUE! schreien.


Fazit

Ich kann Über mir der Himmel von Jandy Neslon jedem ans Herz legen, der schon Ich gebe dir die Sonne liebte. Aber auch den Leuten, die einfach eine leichte und junge Liebesgeschichte, mit dem Hang zur Problematik und Dramatik, suchen und/oder gerne lesen. Für Leute, die mehr auf Diversität stehen oder Klischees einfach nicht mögen, ist das nicht das richtige Buch. Und für Jandy Nelson-Fans ist es dann wohl einfach ein Muss. Denn auch hier strahlt ihr Schreibstil auf so viele Arten. Ich bin in diesen Stil einfach verknallt.


Infos zum Buch


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7 Gedanken zu “Über mir der Himmel ─ Jandy Nelson

  1. Liebe Rebecca,

    ich habe wirklich mit mir gehadert, ob ich mir dieses Buch zulegen soll, aber du hast mich nun überzeugt, es doch zu kaufen!
    Einfach weil „Ich gebe dir die Sonne“ schon so toll war! Und ich zum Jandy Nelson-Fan wurde und das in Nullkommanichts!

    Ich freue mich schon sehr drauf!

    Eine tolle Rezension!

    Viele liebe Grüße,
    Anna

    1. Hallo liebe Anna!

      Eben weil „Ich gebe dir die Sonne“ von der Autorin schon echt mega war, wollte ich das Buch unbedingt. Außerdem gefällt es mir mit dem Cover um WELTEN besser, als das im Hardcover. Schon gesehen? Fürchterlich kitschig.

      Ich hoffe es gefällt dir und ich bin, falls du es auch rezensierst, schon sehr auf manchen Ausbruch gespannt. Also ich schätze dich da so ein, dass hier und da ein „AAAAAHHH!“ kommt. Aber warten wir es ab. ;D

      Go go go! Les es! Sofort!

      Liebste Grüße
      Rebecca

  2. Hallo liebe Rebecca,

    danke für deinen Kommentar.
    Genau, man kann über sich hinauswachsen, sofern man es nicht als Zwang sieht.
    Mir hat das damals in der Schule zum Beispiel auch sehr geholfen 🙂

    Weißt du, dass du echt gute Produktfotos machst?
    Sie wirken professionell und nicht hingeklatscht.
    Bravo, weiter so! :*

    Liebe Grüße, Anja

    1. Hallo Anja,

      sorry für die späte Rückmeldung. Ich komm echt kaum mit dem Bloggen hinterher im Moment.

      Lieben Dank für deinen Gegenbesuch und noch ein größeres Danke wegen dem Kompliment. Ich mag es sehr die Fotos zu Beiträgen zu erstellen und wenn man das irgendwie sieht und dazu dann Feedback bekommt, ist das immer ganz wundervoll! 😀 Danke! ♥

      Lieben Gruß
      Rebecca

    1. Hallo Gisela,

      ich kann dir auf jeden Fall und unter jeder Bedingung „Ich gebe dir die Sonne“ von ihr empfehlen. Vielleicht fängst du auch eher damit an? Weil das fand ich genial.

      Liebe Grüße
      Rebecca

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